An den Aktienmärkten setzte vor einigen Wochen ein recht beeindruckender
Aufschwung ein. Im Februar und in der ersten Märzhälfte waren die Kurse aufgrund
wirtschaftlicher Sorgen und der Skepsis über den angekündigten US-Plan zur
Stabilisierung der Finanzmärkte noch stark gefallen.
Seither haben einige weniger negativ ausgefallene
Statistiken die Anleger offenbar davon überzeugt, dass das Schlimmste der Krise
überstanden ist, und die Märkte haben (in lokaler Währung) etwa 20 % zugelegt.
Allerdings liegen auch nach diesem Aufschwung die meisten Indizes weiter
unterhalb ihres Stands zum Jahresbeginn.
Der Aufwärtstrend der
vergangenen Wochen könnte sich noch einige Zeit fortsetzen, zumal die relativ
geringen Handelsvolumina ein Indiz dafür sind, dass viele Anleger bisher noch
nicht an dem Aufschwung teilhaben; diese könnten ihre Strategie bald ändern, um
die Hausse nicht zu verpassen. Es wäre jedoch gefährlich, wenn man sich von der
optimistischeren Stimmung anstecken ließe und glaubte, der aktuelle
Kursaufschwung werde von Dauer sein.
Zum einen in wirtschaftlicher
Hinsicht: Trotz der Vielzahl der angekündigten Rettungs-, Stabilisierungs- und
sonstigen Pläne und der dazu aufgewendeten Milliarden gibt es derzeit keineswegs
eine solide Grundlage für ein nachhaltiges organisches Wachstum (vgl. meinen
Artikel vom 11.3.09). Der Entschuldungsprozess, der 2007 im privaten Sektor in
Gang kam, könnte das Wirtschaftswachstum sogar noch auf lange Zeit belasten, und
es wäre illusorisch zu glauben, dies könnte von staatlicher Seite durch die
Steigerung der öffentlichen Ausgaben auf Dauer kompensiert werden, ohne dass
hierdurch neue gefährliche Ungleichgewichte entstünden. Zum anderen aus
finanzpolitischen Gründen, da in Bezug auf die angekündigten Rettungspläne
zahlreiche Fragen offen bleiben.
Vor diesem Hintergrund wäre eine
dauerhafte Erholung der Märkte nur möglich, wenn Aktien stark unterbewertet
wären. Richtig ist, dass die Aktienmärkte im historischen Vergleich heute nicht
mehr überbewertet sind. Eine der am häufigsten verwendeten Kennzahlen zur
Beurteilung des Bewertungsniveaus ist das Shiller (1)-KGV, der Quotient aus
Aktienkurs und durchschnittlichem Gewinn der vergangenen 10 Jahre. Da bei dieser
Kennzahl ein Durchschnitt über 10 Jahre und nicht nur über 12 Monate betrachtet
wird, werden Gewinnspitzen geglättet und konjunkturbedingte Verzerrungen
vermieden, wie z. B. außergewöhnlich geringe Gewinne in Rezessionsphasen oder
außerordentlich hohe Gewinne in Zeiten starken Wachstums. Beim aktuellen Stand
des Standard & Poor's 500 (834) liegt das Shiller-KGV derzeit bei ca. 14,5;
dies ist angesichts des langfristigen Durchschnitts von 16 relativ günstig.
Analysiert man die langfristige Entwicklung dieser Kennzahl, für die Daten seit
1881 vorliegen, zeigen sich jedoch zwei wichtige Dinge:
1. Nur selten
werden Aktien langfristig mit einem durchschnittlichen KGV von 16 gehandelt.
Meist liegt der Wert darüber (Aktien werden überbewertet) oder darunter
(unterbewertet).
2. Lange Phasen der Überbewertung wechseln mit langen
Phasen der Unterbewertung ab (und umgekehrt).

Das Shiller-KGV zeigt, dass es auf dem US-amerikanischen
Aktienmarkt vier Spekulationsblasen gab: 1901, 1929, 1966 und 2000. Auf dem
Höhepunkt jeder dieser Phasen erreichte das Shiller-KGV einen Wert von 25 oder
darüber. Nach dem Platzen der Blase fiel das KGV in den ersten drei Fällen auf
unter 8. Es muss nicht betont werden, dass diese Phasen schlecht für die
Aktienmärkte waren. Im günstigsten Fall bewegen sich die Märkte lange Zeit
seitwärts und warten darauf, dass die Gewinne (d. h. der Nenner der Kennzahl)
steigen und das KGV dadurch sinkt. Dies war der Fall in den Jahren 1966 bis
1982.
Das Platzen der vierten und mit Abstand größten Blase führte nun
dazu, dass das Shiller-KGV, das im Jahr 2000 bei über 40 lag, bislang nur auf
14,5 gesunken ist. Man könnte argumentieren, dass es keine immer gültige Regel
gibt, nach der auf einen stark überbewerteten Markt zwangsläufig ein stark
unterbewerteter folgen muss. Schließlich waren für das sinkende Bewertungsniveau
in den 1970-er Jahren auch die zunehmende Inflation und die steigenden Zinsen
als Folge der beiden Ölkrisen verantwortlich.
Dennoch gibt es einige
Argumente, die uns zu der Annahme führen, dass Aktien künftig noch billiger
werden könnten:
- Der Entschuldungsprozess des privaten
Sektors
Wie oben beschrieben, wird dieser Prozess (genauso wie die Gefahr
der Überregulierung in vielen Branchen) das Wirtschaftswachstum in den kommenden
Jahren belasten - so wie die steigende Verschuldung das Wachstum zuvor künstlich
aufgeblasen hatte. Nun ist der Börsenkurs eines Unternehmens aber nichts weiter
eine Aktualisierung seiner künftigen Gewinne. Je weniger diese Gewinne nun
wachsen (und je höher ihre Volatilität), desto geringer ist ihr aktueller
Wert;
- Die direkte Beziehung zwischen dem Bewertungsniveau der Aktien
und der Risikoaversion der Anleger
Die derzeitige Krise dürfte zu einer
zunehmenden Risikoaversion der Anleger führen. So stellt Peter Bernstein (2) in
seinem Artikel vom November 2008 (3) fest, dass im Zeitraum von 1870 bis 1958
die Dividendenrendite von Aktien meist höher lag als die Rendite von 10-jährigen
Staatsanleihen. Der Grund dafür war einfach: Da Aktien risikoreicher waren als
Staatsanleihen, mussten sie Anlegern eine höhere Rendite bieten. Dieses
Verhältnis kehrte sich in den Jahren 1958 bis 2008 um, die Dividendenrendite von
Aktien lag nun unter der langfristiger Staatsanleihen. Das angeführte Argument
lautete dabei, dass der Kupon einer Anleihe fest sei, während die Dividende von
Aktien durch die wachsende Wirtschaft im Laufe der Zeit steigen könne. Im
vierten Quartal 2008 kehrte sich das Verhältnis dann erneut um;
- Der
Vertrauensverlust in Aktien als langfristig bester Anlageform
Mehrere
jüngere Studien belegen, dass Aktien über die letzten 10, 20 und selbst 40 Jahre
den Anleger nicht angemessen für das eingegangene Risiko entschädigen konnten
und hinter risikoärmeren Anlageklassen wie Geldmarkt- oder Rentenanlagen
zurückgeblieben sind. Die Ironie dabei ist, dass diese schwächere Performance
von Aktien zahlreiche Anleger nun veranlassen könnte, sich von dieser
Anlageklasse abzuwenden, obwohl ihr langfristiges Potenzial gerade wegen dieser
vergleichsweise schwachen Entwicklung heute deutlich attraktiver ist als noch
Ende der 1990-er Jahre, als die Outperformance von Aktien gegenüber anderen
Anlageklassen die Investoren anzog.
- Die demografische Entwicklung und
der Eintritt der "Baby-Boomer" ins Rentenalter
- Die Gefahr, dass die
aktuell umgesetzten Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise mittelfristig zu einem
Aufflammen der Inflation führen
Nimmt man ein Shiller-KGV von 8 an, so
müsste der Standard & Poor's bei Zugrundelegung der aktuellen Gewinne auf
einem Niveau von 460 Punkten liegen - dies ist ca. 45 % unterhalb seines
derzeitigen Stands von 834 Punkten. Wie oben beschrieben, sinkt das Shiller-KGV
entweder, wenn sich der Aktienkurs (Zähler) verringert oder aber, wenn das
Gewinnwachstum (Nenner) steigt. Daher wäre auch ein Szenario vorstellbar, in dem
der Markt zehn Jahre lang auf seinem aktuellen Niveau verharrt, während die
Gewinne jährlich um etwa 6 % steigen.
Die hier beschriebenen Szenarien
mögen ausgesprochen pessimistisch wirken, vor allem angesichts der Tatsache,
dass die Märkte seit ihren Höchstständen bereits über 50 % verloren haben. Das
Beispiel Japans dürfte jedoch Anlass geben zu der Frage, ob ein PASSIVES
Aktieninvestment im aktuellen Umfeld wirklich sinnvoll ist: Etwa 20 Jahre nach
dem Platzen der Spekulationsblase steht der Nikkei-Index immer noch fast 80 %
unterhalb seines Niveaus vom Dezember 1989.
Zusammengefasst sollte die
derzeitige Kurserholung an den Märkten von Anlegern dazu genutzt werden sollte,
um das Aktienengagement zu reduzieren. Derzeit besteht keine solide Grundlage
für eine nachhaltige Erholung des Wachstums. Da eine solche Grundlage fehlt,
müssten Aktien deutlich günstiger sein, damit realistischer Grund zu der
Hoffnung bestünde, dass die Märkte Mitte März ihren Tiefstand erreicht
haben.
(1) Robert Shiller ist Professor für Ökonomie an der
Yale-Universität. Zu seinen bekanntesten Büchers zählt "Irrational
Exuberance".
(2) Peter Bernstein, 89 Jahre, ist Chef einer
Investmentconsultinggesellschaft und einer der renommiertesten Analysten in den
Vereinigten Staaten. Er ist Autor zahlreicher Publikationen.
(3) Peter
Bernstein: "Two Little-Noted Features Of The Markets And The
Economy"
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