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Wirtschafts- und Finanzumfeld: Einige Fakten

Mittwoch 07 September 2011 | 1 Kommentare | Kategorie: Marktanalyse

"Schmerzhafte Entscheidungen zu treffen ist nie leicht; Wunschdenken und Bemühungen, den Tag der Abrechnung aufzuschieben, sind immer verlockend."
(Jeremy Grantham: Children at play, August 2011)

Ein Problem der Überschuldung

- Die Zeit der unbegrenzten Kreditaufnahme und Verschuldung zur Finanzierung eines immer künstlicheren Wachstums ist offenbar endgültig vorbei. Ein großer Teil der Weltwirtschaft steht heute vor dem Problem der Überschuldung. Die notwendige Entschuldung wird das Wirtschaftswachstum belasten und die Bedienung der Schulden dadurch noch schwerer machen. Es droht also ein Teufelskreis.

- Die politischen Maßnahmen der vergangenen Jahre zur Belebung der Konjunktur waren vom wirtschaftlichen Standpunkt her schlecht konzipiert. Sie erhöhten nicht das Wachstumspotenzial der jeweiligen Wirtschaft und fügten nur zu den hohen privaten Schulden hohe öffentliche Schulden hinzu.

- Das Problem der hohen öffentlichen Verschuldung ist, dass die für die Schulden zu zahlenden Zinsen einen immer größeren Teil der Ressourcen binden, die andernfalls genutzt werden könnten, um Arbeitsplätze zu schaffen und das Wohlstandsniveau zu steigern. 

- Die derzeitige Krise ist ernster als die des Jahres 2008, da die Zinsen heute niedriger sind und die staatliche Verschuldung höher ist als vor drei Jahren. Daher bleibt den Verantwortlichen bei der Bekämpfung der Krise nur ein geringer Handlungsspielraum.

Eine beängstigende Situation in Europa

- Verschärft wird die aktuelle Krise durch die tragische mangelnde Führungsstärke beiderseits des Atlantiks.

- In Europa werden die Wirtschafts- und Finanzprobleme dadurch verstärkt, dass die Eurozone die notwendigen Voraussetzungen für eine Gemeinschaftswährung nicht erfüllt: Die Wirtschaftspolitik der Mitgliedsländer wird kaum koordiniert, die Mobilität des Arbeitsmarktes ist begrenzt und es fehlt an steuerlichen Ausgleichsmechanismen.

- Seit Bestehen des Euros lagen die Fundamentaldaten im Euroraum noch nie so weit auseinander wie heute.

- Es gibt einfach kein realistisches Szenario, wie einzelne europäische Länder der Restrukturierung ihrer Schulden entgehen könnten. Die Maßnahmen, die die Probleme der europäischen Peripherie-Länder lösen sollen, tragen nichts dazu bei, das Wachstum in diesen Ländern anzutreiben. Im Gegenteil: Der auferlegte Sparzwang wird die Wirtschaftstätigkeit noch stärker bremsen und zu einer weiteren Verschlechterung der öffentlichen Finanzen führen; dies belegt auch die Ankündigung der griechischen Regierung vom Freitag, dass das Ziel, das Haushaltsdefizit 2011 auf 7,4 % zu senken, aufgrund des über Erwarten starken Rückgangs des Bruttoinhaltsprodukts nicht aufrechterhalten werden könne.

- Sollte es zu einer Restrukturierung der Staatsschulden mancher Länder kommen, drohen einem großen Teil der börsennotierten europäischen Banken Solvabilitätsprobleme. Dies relativiert in gewisser Weise den Einbruch der Aktienkurse von Finanzunternehmen.

EURO STOXX Banken Index


Euro Stoxx Banks

- In einem rezenten Papier mit dem Titel „Budget Cuts and Social Unrest in Europe, 1919 - 2009“ weist das Centre for Economic Policy Research (CEPR) darauf hin, dass Sparpolitik und soziale Instabilität positiv korrelieren. Die demografische Entwicklung hat zur Folge, dass der kommenden Generation durch die Sozialprogramme kaum zu schulternde Lasten auferlegt werden.

Was wird aus dem Euro ?

- Das Problem der Wettbewerbsfähigkeit einiger Länder der Eurozone lässt sich ohne eine Anpassung ihrer Währung nur schwer lösen. Bleibt eine solche Anpassung aus, können diese Länder nur durch Gehaltskürzungen und die Liberalisierung des Arbeitsmarktes wettbewerbsfähig werden - und dies zu einem Zeitpunkt, an dem die Arbeitslosigkeit (insbesondere unter Jugendlichen) bereits sehr hoch ist.

- Die Meinung, der Euro bringe mehr Nach- als Vorteile, gewinnt in einigen Ländern immer mehr Anhänger. Gleichzeitig halten die meisten Politiker an dem Gedanken fest, ein Mehr an europäischer Integration sei weiterhin wünschenswert. So entsteht derzeit eine Kluft zwischen politisch Verantwortlichen und der Bevölkerung. 

Anlagestrategie des BL-Global Flexible in diesem Umfeld 

Kommentare

Ulrich Busch sagte:

Die Währungsunion krankt an den Rahmenverträgen. Neben der Lösung der Schuldenkrise geht es darum, Vertrauen darin aufzubauen, dass diese Situation sich nicht regelmäßig wiederholt. Dazu sind klare und verläßliche Sanktionsmechanismen erforderlich.
e ausufernde Staatsverschuldung hat keinen Zusammenhang mit den dauerhaft bestehenden Unterschieden in der Wettbewerbsfähigkeit. Die fehlende Faktormobilität wird zur weiteren Konzentration der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit im Währungsraum führen.
ist also bei einer Neuregelung der EU-Verträge zu klären, ob dies politisch akzeptabel ist oder ob eine staatlich organisierte Umverteilung erfolgen soll. Letzteres wird gegen die Stimmung der Bevölkerung kaum durchsetzbar sein.

08 September 2011 - 01:39 PM

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Guy Wagner ist Chief Economist der Banque de Luxembourg.

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