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Vertrauensverlust

Mittwoch 11 März 2009 | 1 Kommentare | Kategorie: Marktanalyse

Das Ende der derzeitigen Krise scheint weiter entfernt denn je zu sein. Die wirtschaftlichen Risiken nehmen zu, statt sich zu stabilisieren oder sich zu verringern.

Noch besorgniserregender ist, dass man mit zunehmender Zeit den Eindruck gewinnt, dass die Regierungen die Situation nicht im Griff haben. Dieser Vertrauensverlust in die Fähigkeit der Regierungen, uns aus dieser Krise zu befreien, ist ein ernstes Problem, wenn man bedenkt, wie Wirtschaftsberater David M. Smick in seinem neuen Buch schreibt, „…dass das Überleben der Finanzsysteme der Welt von einem komplizierten Vertrauensspiel abhängt. Die Finanzmärkte sind im Vergleich zu den Regierungen so ungeheuerlich groß geworden, dass die einzige Methode zur Aufrechterhaltung der Stabilität darin besteht, eine Psychologie des Vertrauens aufzubauen. Die Regierungen selbst können die Ordnung nicht per Erlass wiederherstellen. Sie können den Märkten nur das Gefühl vermitteln, dass sie wissen, was sie tun.“(1)

Der Hauptvorwurf, den man den Regierungen im Hinblick auf ihren Umgang mit der Krise machen könnte, ist, dass sie bereit sind, langfristiges Leiden in Kauf zu nehmen, um kurzfristigen Schmerz zu vermeiden. Es ist natürlich unwiderlegbar, dass sich die Weltwirtschaft in einer tiefen Rezession befindet. Diese Rezession ist jedoch die Folge der wirtschaftlichen Entscheidungen, die in den vergangenen zehn Jahren getroffen wurden. Hierfür gibt es keine einfache Lösung. So zu tun, als sei es möglich, für die Fehler der Vergangenheit nicht zu bezahlen, oder dies auf ewig hinauszuschieben, ist schlichtweg unverantwortlich. Die aktuellen Probleme finden ihren Ursprung in dem starken Anstieg der Verschuldung im Privatsektor ; sie anzugehen, indem man die Staatsschulden massiv erhöht, kann nicht Sinn der Sache sein.

Dies heißt nicht, dass die Regierungen nichts tun sollten. Es scheint nun eindeutig zu sein, dass die derzeitige Rezession die schlimmste seit Ende des Zweiten Weltkrieges ist. Sie wird viele Leute treffen – und die meisten dieser Leute haben keine Schuld an dieser Krise. Das Ironische an der derzeitigen Situation ist, dass diejenigen, die umsichtig waren, fast genauso stark zu leiden scheinen wie diejenigen, die waghalsig waren. Die Tatsache, dass einige der derzeitigen politischen Maßnahmen darauf abzielen, Letztere vor den Folgen ihrer Taten zu bewahren, wirft außerdem moralische Fragen auf. Die Rettungsmentalität, die sich derzeit breit macht, läuft Gefahr, das Gefühl der persönlichen Verantwortung zu untergraben.

Paul Volcker, ehemaliger Vorsitzender der US-Notenbank und nun Mitglied des Wirtschaftsberatungsteams von Präsident Barack Obama, sagte vor kurzem in einer Rede: „Dies ist keine normale Rezession. Es ist viel schwieriger, aus ihr herauszukommen, und sie hat die Grundfesten unserer Finanzinstitute erschüttert. Das System ist zerrüttet.“ Die Wirtschaftspolitik der Regierungen sollte sich daher nicht auf die schnelle Wiederherstellung eines Wirtschaftsmodells konzentrieren, das die vergangenen 25 Jahre geprägt hat. Dieses Modell basierte darauf, dass das weltweite Wachstum von der US-Konjunktur angetrieben wird, wobei die US-Konjunktur wiederum von den Verbrauchern angetrieben wird und die US-Verbraucher über ihre Verhältnisse leben, da steigende Immobilien- und Anlagepreise eine ständig sinkende Sparquote rechtfertigen. Dieses Modell ist nicht mehr tragbar. Die jüngsten politischen Maßnahmen, die darauf abzielen, den Überkonsum in einigen Ländern fortzusetzen, sind nicht die richtige Methode, um die Weltwirtschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Die wirtschaftspolitischen Maßnahmen sollten stattdessen darauf abzielen, die strukturellen Verschiebungen zu unterstützen, die notwendig sind, um eine solide Basis für den zukünftigen Wohlstand zu schaffen. Dies ist natürlich leichter gesagt als getan, besonders, da sich die Regierungen auf kurze Sicht auch bemühen müssen, die Krise einzudämmen und den unschuldigen Opfern dieser Krise zu helfen. Obwohl sich zum Beispiel alle einig sind, dass eine Erhöhung der US-Sparquote auf lange Sicht gesehen wünschenswert ist, wäre eine zu schnelle Erhöhung aufgrund der damit einhergehenden Verringerung des Konsums und des Wirtschaftswachstums auf kurze Sicht gesehen katastrophal. Die Wirtschaftswissenschaftler bezeichnen dies als das ‚Sparparadoxon? (was für den Einzelnen gut ist, ist nicht unbedingt gut für die Wirtschaft als Ganzes), und in der keynesianischen Wirtschaftstheorie wird es als Argument für erhöhte Regierungsausgaben benutzt, um die Schwäche im privaten Sektor auszugleichen.

Die aktuelle Wirtschaftsdebatte ist jedoch in hohem Maße dogmatisch geworden. Man ist entweder ein Keynesianer, der alle möglichen Regierungsprogramme unterstützt, um die Wirtschaft wieder ‚auf den richtigen Weg zu bringen?, oder aber man gehört der österreichischen Schule an, die für das ‚Nichtstun? plädiert, um die Exzesse der vergangenen Jahre auszumerzen. Beide Sichtweisen sind grob vereinfachend (und werden der Arbeit dieser Ökonomen nicht gerecht). Wenngleich höhere öffentliche Ausgaben im heutigen Umfeld gerechtfertigt werden können, zeigt uns die Geschichte auch, dass Regierungen selten sehr erfolgreich waren, wenn es um die Lösung von Wirtschaftsproblemen ging. Die Herausforderungen, denen sie heute gegenüberstehen, sind zahlreich:

  • Das Konzept des Wachstums selbst muss überdacht werden. Der unersättliche Appetit auf Wachstum, ob auf makro- (BIP-Wachstum) oder mikroökonomischer (Gewinnwachstum-) Ebene, ist der Kern des aktuellen Problems. Das Wachstumsmodell der vergangenen Jahrzehnte scheint nun sowohl ökonomisch als auch ökologisch nicht mehr tragbar zu sein. Dennoch scheinen die meisten politischen Maßnahmen darauf abzuzielen, es ungeachtet der langfristigen Folgen wieder zu beleben/fortzusetzen;
  • Genauer gesagt scheinen die meisten Regierungen davon auszugehen, dass die Lösung der Wirtschaftsprobleme darin besteht, ungeachtet der Bonität für weitere Bankkredite und ungeachtet der Schuldenniveaus für mehr Konsum zu sorgen. Daher verzögern sie den Schuldenabbau des Finanzsektors und des Verbrauchersektors, der notwendig ist, damit sich die Wirtschaft erholen kann;
  • In einer globalisierten Welt müssen die wirtschaftspolitischen Maßnahmen definitionsgemäß koordiniert werden. So verlockend es für diejenigen, die nicht viel von Wirtschaftswissenschaft verstehen oder bereit sind, sich einer populistischen Rhetorik zu bedienen, auch sein mag, den freien Handel abzuschaffen und Protektionismus zu verhängen, kann dies nie die Lösung für eine Wirtschaftskrise sein. Ein altes Sprichwort besagt: „Wenn keine Waren die Grenzen überschreiten, tun es die Armeen.“ Der freie Handel ist heute noch wichtiger, da eine der größten Herausforderungen für die Weltwirtschaft darin bestehen wird, dass Asien die Vereinigten Staaten als Verbraucher der letzten Instanz verdrängt;
  • Die Regierungsausgaben haben ihren Preis. Die Schulden, welche die Regierungen jetzt aufnehmen, um die Rettungspakete, die Finanzsysteme und die Konjunkturprogramme zu finanzieren (und um den Verlust an Steuereinnahmen auszugleichen), werden zukünftigen Generationen eine bleibende Last aufbürden;
  • Große öffentliche Defizite werden sich als ein viel geringeres langfristiges Problem erweisen, wenn die Gelder in Infrastrukturprojekte mit langfristigem Wert investiert werden, als wenn sie verschwendet werden, um den Konsum anzukurbeln. In Deutschland mag die Einführung der so genannten Abwrackprämie zu einem vorübergehenden Anstieg der Autokäufe geführt haben, aber das Programm wird, wenn überhaupt, dann nur geringe bleibende Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben. Das Geld der Steuerzahler auszugeben, um zu versuchen, etwas zu reparieren, das nicht reparierbar ist, ist keine solide Wirtschaftspolitik;
  • Die Regierungsressourcen sind nicht unerschöpflich. Wenn die Regierungen bei ihrem Versuch, Unternehmen und die Wirtschaft zu retten, zu weit gehen, könnte ihnen selbst die Insolvenz drohen. Angesichts der riesigen Summen, die die Regierungen bereits aufgewendet haben, um den Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern, ist dies heute eine ganz reale Sorge. Das Problem ist in Europa besonders ernst, wo das Risiko eines Staatsbankrotts nach Meinung vieler Ökonomen derzeit so hoch ist wie seit der Weltwirtschaftskrise nicht mehr. Was die Situation in Europa so gefährlich macht, ist die Größe des Bankensystems im Vergleich zum BIP sowie die Tatsache, dass die Banken nicht nur unter denselben Problemen zu leiden haben wie ihre US-amerikanischen Pendants, sondern auch unter ihrem massiven Engagement in Osteuropa;
  • In Anbetracht der oben beschriebenen Aspekte ist es besonders wichtig, klar zu benennen, welche wirtschaftlichen Ziele angestrebt und welche Anreize geschaffen werden, um diese Ziele zu erreichen. In der Wirtschaftswissenschaft dreht sich alles um Anreize. Die beste Anreizstruktur, die den Regierungen zur Verfügung steht, ist das Steuersystem;
  • In seinem 1942 veröffentlichten Buch „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ schrieb der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter, dass der „Prozess der schöpferischen Zerstörung […] das für den Kapitalismus wesentliche Faktum [ist]“. Die schöpferische Zerstörung ist ein schlagkräftiges ökonomisches Konzept, dessen Grundidee wie folgt aussieht: Innovationsschübe führen dazu, dass einige etablierte Unternehmen zerstört werden und neue Unternehmen entstehen. Die Beispiele, die dieses Konzept veranschaulichen, reichen von Unternehmen wie Polaroid bis zu Produkten wie Tonbandkassetten oder Großrechnern. Die Mitarbeiter, die in den überholten Unternehmen/Branchen tätig sind, leiden natürlich unter der schöpferischen Zerstörung, und die normale Reaktion ist es, sich gegen sie zur Wehr zu setzen. Die Geschichte zeigt jedoch, dass der Versuch, diese wettbewerbsunfähigen Unternehmen mit öffentlichen Geldern zu unterstützen, letztlich zum Scheitern verurteilt ist und dass es besser wäre, diese Gelder dazu zu benutzen, den Mitarbeitern dieser Unternehmen zu helfen. Das Konzept der schöpferischen Zerstörung kommt einem heute in den Sinn, wenn man sich die US-amerikanische Automobilindustrie ansieht oder wenn man, allgemeiner betrachtet, erkennt, dass die Überproduktion eines der Hauptprobleme der Weltwirtschaft von heute ist. Das notwendige Verschwinden oder Schrumpfen einiger Unternehmen aufzuhalten, verhindert die Neuzuweisung der Ressourcen und die Entfaltung des Innovationsprozesses, die den Weg für den zukünftigen Wohlstand ebnen;
  • Die Staaten sollten sich Prioritäten in der Bekämpfung der Krisen setzen. Maßnahmen zur Belebung der Wirtschaft drohen zu verpuffen, solange der Finanzsektor massiv angeschlagen ist.

Tatsache ist, dass derzeit niemand weiß, wie lange diese Krise andauern wird oder wie man sie bewältigen kann. Dies erklärt die schlechte Entwicklung an den Aktienmärkten seit Anfang des Jahres. Nach dem massiven Kursverfall der vergangenen Monate sind einige Qualitätsunternehmen attraktiv bewertet. Eine kurzfristige Erholung der Märkte ist jederzeit möglich. Bevor das Vertrauen nicht einigermaßen wiederhergestellt ist, ist es jedoch unwahrscheinlich, dass die Aktienmärkte einen nachhaltigen Tiefststand erreichen.

(1) David M. Smick, The World is Curved (Penguin Group)

Kommentare

Ulrich sagte:

Es handelt sich wohl weniger um ein Problem der Wachstumsorientierung der Volkswirtschaften und der Mikowirtschaft, sondern um die Fehlallokation in den Konsum. Aktzeptiert man die Erfordernis von Wachstum und die Finanzierung durch eine angemessene Sparquote, wird auch der Weg zur Lösung deutlich: Aktuell Verhinderung des Systemcrash und Schaffung eines angemessenen "Anreizsystems".
Die Punkte sind in der aktuellen Diskussion bereits alle enthalten, bedürfen aber einer Präzisierung und klaren Benennung, damit sie in die gesetzliche Rahmengebung einfließen können.

13 März 2009 - 02:35 PM

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Guy Wagner ist Chief Economist der Banque de Luxembourg.

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