Nach 2 Wochen Konferenzen und Begegnungen mit Unternehmen in China und der Türkei bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass der Übergang von einer Weltwirtschaft, deren Motor der Westen ist, zu einer von östlichen Ländern angetriebenen Weltwirtschaft für Anleger das Thema der nächsten Jahre sein wird.
Die aktuelle Diskussion über eine „Abkopplung“ der Schwellenländer von den Industrieländern ist in gewisser Hinsicht etwas irreführend: Natürlich würde eine tiefe Rezession in den Vereinigten Staaten Auswirkungen auf die Schwellenländer haben. Ein beträchtlicher Teil ihres Wachstums hängt immer noch von den Ausfuhren in die USA und nach Westeuropa ab. Dennoch werden wachsende Verbraucher- und Infrastrukturausgaben und der im Expandieren begriffene intraregionale Handel für weiterhin starkes Wachstum in diesen Ländern sorgen, auch wenn die US-Exporte deutlich zurückgehen sollten. Bei der Analyse des intraregionalen Handels wird häufig die wachsende Verflechtung zwischen Asien, Südamerika, Afrika, dem Nahen Osten und Russland übersehen.
Die nächste Stufe des Industrialisierungsprozesses der Schwellenländer wird indessen ganz anders aussehen als die der vergangenen Dekade. Nach James Kynge, Präsident des internationalen Medienkonzerns Pearson Group in China und Autor des Buches „China-Der Aufstieg einer hungrigen Nation“ bewegen wir uns von einem von Angebot und Überfluss geprägten Umfeld auf eine Situation zu, die von Nachfrage und Knappheit dominiert wird. Steigende Arbeits- und Umweltkosten sowie das Bestreben der Regierungen, ihren Bürgern eine höhere soziale Absicherung zu bieten, stellt die Fähigkeit der Schwellenländer (insbesondere Chinas), Desinflation in die Industrieländer zu exportieren, zunehmend in Frage. Hinzu kommen steigende Energie- und Lebensmittelpreise als direkte Folge der Entwicklung der Schwellenländer. Dies verstärkt die aktuell zu beobachtenden Inflationstrends in den Schwellenländern und könnte die lokalen Währungsbehörden zu einer Aufgabe der (mehr oder minder expliziten) Bindung ihrer Währung an den USD veranlassen. Denn aufgrund dieser Bindung sind die Zentralbanken dieser Länder gezwungen, eine auf Rezessionsbekämpfung angelegte Geldpolitik der USA zu übernehmen, die jedoch der Wirtschaftslage ihres Landes nicht gerecht wird.
Wie können Anleger von diesem Übergang zu einer von den Schwellenländern angetriebenen Weltwirtschaft profitieren?
Zunächst sind direkte Investitionen an den Märkten der Schwellenländer denkbar, entweder über Investmentfonds oder Einzeltitelauswahl. Im Fall der Einzeltitelauswahl gelten die gleichen Regeln wie an den Märkten der Industrieländer: Anleger sollten einen langfristigen Anlagehorizont verfolgen und Unternehmen mit einem nachhaltigen Wettbewerbsvorteil und gesunden Finanzen auswählen, die nicht zu teuer sind. Li&Fung(1)aus Hong Kong verbindet als führender Handels- und Logistikkonzern Ost und West und ist damit das typische Globalisierungsunternehmen. Infosys Technologies ist einer der führenden Software-Anbieter in Indien – dem Land, das zunehmend als „das Backoffice der Welt“ gilt. Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) ist der weltweit führende, unabhängige Halbleiterhersteller. Die mexikanische Cemex wird ihrerseits als weltweit drittgrößter Zementhersteller von den wachsenden Infrastrukturausgaben profitieren. Anadolu Efes ist der grösste Bierbrauer in der Türkei mit einem Marktanteil von über 80%. Das Unternehmen ist ebenfalls stark in Zentralasien vertreten und profitiert durch seine Beteiligung von 50,3% an Coca Cola Içecek auch vom Wachstum des Marktes für alkoholfreie Getränke.
Die steigenden Rohstoffpreise sind in großem Umfang eine direkte Folge der Entwicklung in den Schwellenländern. Denn die Industrialisierung dieser Länder (insbesondere Chinas) verändert die Angebots- und Nachfragesituation für zahlreiche Rohstoffe ganz fundamental. Rohstoffhersteller, die als Langfristanlage in der Vergangenheit aufgrund ihrer sehr zyklischen und volatilen Resultate enttäuschten, befinden sich heute in einem sekulärem Wachstumsumfeld. Die interessantesten Namen stammen häufig aus Brasilien, weil dieses Land angesichts seiner natürlichen Ressourcen über einen erheblichen Wettbewerbsvorteil verfügt (hieraus erklären sich auch die zunehmenden Handelsverflechtungen zwischen Brasilien und China). Zwei hochwertige Unternehmen mit den weltweit niedrigsten Produktionskosten sind der Metallkonzern Vale und der Zellstoffhersteller Aracruz, beide aus Brasilien. Die südkoreanische POSCO gilt als einer der weltweit größten, effizientesten und rentabelsten Stahlerzeuger.
Eine Anlagealternative sind westliche Unternehmen, die von den steigenden Verbraucher- und Infrastrukturausgaben der Schwellenländer profitieren. Während Globalisierung in der Vergangenheit bedeutete, dass westliche Unternehmen die Herstellung ihrer Produkte in die Schwellenländer auslagerten und die Produkte anschließend in den Industrieländern absetzten, sind heute viele Schwellenländer zu Endmärkten geworden. Der private Verbrauch in zahlreichen Schwellenländern zieht endlich an, allerdings ist die durchschnittliche Kaufkraft verglichen mit dem Niveau der Industrieländer niedrig und das Vermögen konzentriert sich in der Regel in städtischen Ballungsräumen. Andererseits nimmt die Anzahl vermögender Privatpersonen zu (gemessen an der Anzahl an Milliardären belegt China Rang zwei nach den USA). In einem wettbewerbsintensiven Umfeld sorgen Markennamen für einen Vorsprung, sofern kulturelle Unterschiede berücksichtigt werden. Procter&Gamble hat im Bereich Körperpflege mit einer Mischung aus sehr preisgünstigen Produkten für die ländliche Bevölkerung und teureren Produkten für städtische Gebiete mit höherer Kaufkraft offenbar die richtige Strategie gefunden. Die französische Luxusgüter-Gruppe Richemont mit Marken wie Cartier, Dunhill, Piaget und Chloé ist augenscheinlich gut positioniert, um von den Ausgaben der Oberschicht dieser Länder zu profitieren. Im Geschäftsjahr 2008 entfielen auf Konzernebene bereits 48% des Umsatzwachstums auf den Raum Asien-Pazifik. Auch Nestlé (Nespresso, Perrier, San Pellegrino, Häagen Dazs u.v.m) dürften die steigenden Ausgaben für nicht lebensnotwendige Güter zugute kommen.
Die Rendite einer Aktienanlage kann nur von zwei Faktoren kommen: steigenden Gewinnen und / oder höherer Bewertung. Vorsichtige Anleger sollten auf Letztere nicht zu sehr zählen. Mithin ist es wichtig, Unternehmen mit Potenzial für starkes, anhaltendes Gewinnwachstum zu finden. Jenen, die vom Aufstieg der Schwellenländer profitieren, dürfte zumindest ein starker Rückenwind sicher sein.
(1) Die in diesem Artikel erwähnten Gesellschaften stellen keine Anlageempfehlung dar.


2010