Nach den Kursrückgängen der letzten Wochen haben die meisten Aktienmärkte gegenüber ihrem Niveau von Oktober 2007 inzwischen 10 bis 20% verloren. In einem normalen Umfeld würde eine solche Korrektur eine günstige Kaufgelegenheit darstellen. Das heutige Kurs-Gewinn-Verhältnis(KGV) vieler Aktienmärkte von ungefähr 12-14 war in der Vergangenheit fast unabhängig von der Wirtschaftslage fast immer ein gutes langfristiges Kaufsignal. Die langfristigen Zinsen sind seit Mitte letzten Jahres stark gefallen,was die Aktienkurse eigentlich stützen sollte. Die letzten Konjunkturdaten scheinen die Rezessionsängste nicht zu bestätigen und viele Unternehmen sprechen immer noch von gefüllten Auftragsbüchern und ausgelasteten Kapazitäten.
Das Problem mit dieser Denkweise liegt darin, dass das heutige Umfeld nicht normal ist. Die Stabilität des Finanzsystems scheint gefährdet oder doch zumindest angeschlagen zu sein. Nach Abschreibungen im Milliardenbereich durch Finanzprodukte die mit US-Wohnungshypotheken besichert waren, folgen jetzt möglicherweise hohe Verluste bei Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps)und bei Kreditkarten. Weniger Eigenkapital durch Verluste und Abschreibungen wird dazu führen, dass die Banken weniger Kredite vergeben können und wollen. Dies würde relativ schnell zu einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums führen. Aktienbewertungen welche heute attraktiv scheinen würden sich dann im Nachhinein als teuer erweisen.
Im Endeffekt beruht ein gut funktionierendes Finanzsystem zu einem grossen Teil auf Vertrauen. Die Ereignisse der letzten Monate haben das Vertrauen in die Risikokontroll - und Risikomanagementsysteme der Banken und Versicherungen (auf denen die immer geringere Regulierung der Finanzmärkte in den letzten Jahrzehnten basierte und auf die sich die Ratingagenturen fast blind verliessen)erschüttert. Ohne ein gut funktionnierendes Bankensystem ist es jedoch illusorisch an einen nachhaltigen Anstieg der Aktienmärkte zu glauben. Auch wenn kurzfristig bessere Konjunkturdaten oder der Glaube an staatliche Interventionen zu steigenden Kursen führen könnten.
Positiv zu bemerken ist einerseits, dass die Finanzbehörden den Ernst der Lage erkannt haben (nach dem Motto : 'When authorities start to panic, markets stop panicking')und dabei sind Massnahmen zu ergreifen, wie das riesige Konjunkturprogramm oder die Pläne zur Rekapitalisierung der Kreditversicherer in den USA beweisen. Hinzu kommt als Zweites die Tatsache, dass die Weltwirtschaft heute durch das starke Wachstum in den sogenannten Schwellenländern über einen zweiten Wachstumsmotor verfügt. Es sind dann auch die Aktienmärkte dieser Länder welche ein Anleger im nächsten Börsenaufschwung bevorzugen sollte.


A. Smith sagte:
Hallo Herr Wagner,unabhängig von irgendwelchen Dax-Niveaus oder Zinsen, was müsste sich an der allgemeinen Lage (Wirtschaft, Politik, Zentralbanken, Finanzmärkten) geändert haben, damit ein Aktieninvestment "an sich" (z.B. Fonds oder Indizes) wieder attraktiv wird?
08 Februar 2008 - 09:48 AM
Guy Wagner sagte:
Die Märkte fürchten heute das Risiko einer schweren Rezession in den USA sowie das Risiko einer grösseren Finanzkrise. Solange die Realität diese Aengste nährt (und das tut sie im Moment mit z.B. den amerikanischen Arbeitsmarktzahlen oder den Problemen der Kreditversicherer) ist an einen nachhaltigen Anstieg der Börsenkurse wohl nicht zu denken.Was würde zu einem optimistischeren Ausblick führen? Generell Massnahmen die das Vertrauen in den Finanzsektor wiederherstellen würden, allem voran ein Hilfspaket zur Rekapitalisierung der Kreditversicherer um deren Rating zu sichern. Die amerikanische Zentralbank steht zwar oft in der Kritik, macht jedoch im Momment das Richtige indem sie versucht eine Zinskurve herzustellen, welche es den Banken ermöglichen soll auf klassische Weise Gewinne zu machen.
Ein zweiter Punkt wären bessere Witschaftszahlen in den USA. Das 150 Milliarden Fiskalprogramm der Bush-Regierung könnte nach Meinung der Experten um die 0,5% zum Wachstum in der zweiten Jahreshälfte beitragen. Im Moment sieht es jedoch nach einer Verschlechterung der Konjunktur mit einem Anstieg der Arbeitslosenrate aus.
Andererseits wäre es natürlich auch so, dass ein stetiger Rückgang der Aktienkurse irgendwann zu einem Bewertungsniveau führen würde, bei dem man sagen könnte, dass die Risiken in den Kursen antizipiert seien.
10 Februar 2008 - 07:57 PM
Anonym sagte:
Hallo Herr Wagner, ist Ihre Sichtweise nicht zu sehr von der Finanz- und Bankenkrise geprägt, wie erklären sie sich die relativ optimistische Sicht der Industrieunternehmen (z.B. von BASF oder auch Siemens) trotz des wirtschaftlichen Abschwung?26 Februar 2008 - 10:04 AM
Guy Wagner sagte:
Es ist richtig, dass die Rezessionsgefahr von vielen Industrieunternehmen als gering angesehen wird. Das liegt zum Teil daran, dass diese Unternehmen in Bereichen tätig sind, welche auch in einem schwächeren Konjunkturumfeld weiterhin stark wachsen sollten, wie z.B. Infrastrukturausgaben in den Schwellenländern oder im Rohstoffbereich.Im Gegensatz zur Vergangenheit beruht der momentane wirtschaftliche Abschwung ausserdem weit mehr auf dem Dienstleistungssektor als auf der Industrie. So ist in den USA der Index für die Geschäftstätigkeit im Dienstleistungssektor im Januar eingebrochen während die US-Industrie sich weiterhin relativ robust präsentiert.
Längerfristig muss man sich jedoch fragen, inwieweit die Industrie ohne ein gesundes Finanzsystem weiterhin florieren kann.
26 Februar 2008 - 04:58 PM