Seither haben einige weniger negativ ausgefallene Statistiken die Anleger
offenbar davon überzeugt, dass das Schlimmste der Krise überstanden ist, und die
Märkte haben (in lokaler Währung) etwa 20 % zugelegt. Allerdings liegen auch
nach diesem Aufschwung die meisten Indizes weiter unterhalb ihres Stands zum
Jahresbeginn.
Der Aufwärtstrend der vergangenen Wochen könnte sich noch
einige Zeit fortsetzen, zumal die relativ geringen Handelsvolumina ein Indiz
dafür sind, dass viele Anleger bisher noch nicht an dem Aufschwung teilhaben;
diese könnten ihre Strategie bald ändern, um die Hausse nicht zu verpassen. Es
wäre jedoch gefährlich, wenn man sich von der optimistischeren Stimmung
anstecken ließe und glaubte, der aktuelle Kursaufschwung werde von Dauer
sein.
Zum einen in wirtschaftlicher Hinsicht: Trotz der Vielzahl der
angekündigten Rettungs-, Stabilisierungs- und sonstigen Pläne und der dazu
aufgewendeten Milliarden gibt es derzeit keineswegs eine solide Grundlage für
ein nachhaltiges organisches Wachstum (vgl. meinen Artikel vom 11.3.09). Der
Entschuldungsprozess, der 2007 im privaten Sektor in Gang kam, könnte das
Wirtschaftswachstum sogar noch auf lange Zeit belasten, und es wäre illusorisch
zu glauben, dies könnte von staatlicher Seite durch die Steigerung der
öffentlichen Ausgaben auf Dauer kompensiert werden, ohne dass hierdurch neue
gefährliche Ungleichgewichte entstünden. Zum anderen aus finanzpolitischen
Gründen, da in Bezug auf die angekündigten Rettungspläne zahlreiche Fragen offen
bleiben.
Vor diesem Hintergrund wäre eine dauerhafte Erholung der Märkte
nur möglich, wenn Aktien stark unterbewertet wären. Richtig ist, dass die
Aktienmärkte im historischen Vergleich heute nicht mehr überbewertet sind. Eine
der am häufigsten verwendeten Kennzahlen zur Beurteilung des Bewertungsniveaus
ist das Shiller (1)-KGV, der Quotient aus Aktienkurs und durchschnittlichem
Gewinn der vergangenen 10 Jahre. Da bei dieser Kennzahl ein Durchschnitt über 10
Jahre und nicht nur über 12 Monate betrachtet wird, werden Gewinnspitzen
geglättet und konjunkturbedingte Verzerrungen vermieden, wie z. B.
außergewöhnlich geringe Gewinne in Rezessionsphasen oder außerordentlich hohe
Gewinne in Zeiten starken Wachstums. Beim aktuellen Stand des Standard &
Poor's 500 (834) liegt das Shiller-KGV derzeit bei ca. 14,5; dies ist angesichts
des langfristigen Durchschnitts von 16 relativ günstig. Analysiert man die
langfristige Entwicklung dieser Kennzahl, für die Daten seit 1881 vorliegen,
zeigen sich jedoch zwei wichtige Dinge:
1. Nur selten werden Aktien
langfristig mit einem durchschnittlichen KGV von 16 gehandelt. Meist liegt der
Wert darüber (Aktien werden überbewertet) oder darunter
(unterbewertet).
2. Lange Phasen der Überbewertung wechseln mit langen
Phasen der Unterbewertung ab (und umgekehrt).
Das Shiller-KGV zeigt, dass es auf dem US-amerikanischen Aktienmarkt vier
Spekulationsblasen gab: 1901, 1929, 1966 und 2000. Auf dem Höhepunkt jeder
dieser Phasen erreichte das Shiller-KGV einen Wert von 25 oder darüber. Nach dem
Platzen der Blase fiel das KGV in den ersten drei Fällen auf unter 8. Es muss
nicht betont werden, dass diese Phasen schlecht für die Aktienmärkte waren. Im
günstigsten Fall bewegen sich die Märkte lange Zeit seitwärts und warten darauf,
dass die Gewinne (d. h. der Nenner der Kennzahl) steigen und das KGV dadurch
sinkt. Dies war der Fall in den Jahren 1966 bis 1982.
Das Platzen der
vierten und mit Abstand größten Blase führte nun dazu, dass das Shiller-KGV, das
im Jahr 2000 bei über 40 lag, bislang nur auf 14,5 gesunken ist. Man könnte
argumentieren, dass es keine immer gültige Regel gibt, nach der auf einen stark
überbewerteten Markt zwangsläufig ein stark unterbewerteter folgen muss.
Schließlich waren für das sinkende Bewertungsniveau in den 1970-er Jahren auch
die zunehmende Inflation und die steigenden Zinsen als Folge der beiden Ölkrisen
verantwortlich.
Dennoch gibt es einige Argumente, die uns zu der Annahme
führen, dass Aktien künftig noch billiger werden könnten:
- Der
Entschuldungsprozess des privaten Sektors
Wie oben beschrieben, wird
dieser Prozess (genauso wie die Gefahr der Überregulierung in vielen Branchen)
das Wirtschaftswachstum in den kommenden Jahren belasten - so wie die steigende
Verschuldung das Wachstum zuvor künstlich aufgeblasen hatte. Nun ist der
Börsenkurs eines Unternehmens aber nichts weiter eine Aktualisierung seiner
künftigen Gewinne. Je weniger diese Gewinne nun wachsen (und je höher ihre
Volatilität), desto geringer ist ihr aktueller Wert;
- Die direkte
Beziehung zwischen dem Bewertungsniveau der Aktien und der Risikoaversion der
Anleger
Die derzeitige Krise dürfte zu einer zunehmenden Risikoaversion
der Anleger führen. So stellt Peter Bernstein (2) in seinem Artikel vom November
2008 (3) fest, dass im Zeitraum von 1870 bis 1958 die Dividendenrendite von
Aktien meist höher lag als die Rendite von 10-jährigen Staatsanleihen. Der Grund
dafür war einfach: Da Aktien risikoreicher waren als Staatsanleihen, mussten sie
Anlegern eine höhere Rendite bieten. Dieses Verhältnis kehrte sich in den Jahren
1958 bis 2008 um, die Dividendenrendite von Aktien lag nun unter der
langfristiger Staatsanleihen. Das angeführte Argument lautete dabei, dass der
Kupon einer Anleihe fest sei, während die Dividende von Aktien durch die
wachsende Wirtschaft im Laufe der Zeit steigen könne. Im vierten Quartal 2008
kehrte sich das Verhältnis dann erneut um;
- Der Vertrauensverlust in
Aktien als langfristig bester Anlageform
Mehrere jüngere Studien belegen,
dass Aktien über die letzten 10, 20 und selbst 40 Jahre den Anleger nicht
angemessen für das eingegangene Risiko entschädigen konnten und hinter
risikoärmeren Anlageklassen wie Geldmarkt- oder Rentenanlagen zurückgeblieben
sind. Die Ironie dabei ist, dass diese schwächere Performance von Aktien
zahlreiche Anleger nun veranlassen könnte, sich von dieser Anlageklasse
abzuwenden, obwohl ihr langfristiges Potenzial gerade wegen dieser
vergleichsweise schwachen Entwicklung heute deutlich attraktiver ist als noch
Ende der 1990-er Jahre, als die Outperformance von Aktien gegenüber anderen
Anlageklassen die Investoren anzog.
- Die demografische Entwicklung und
der Eintritt der "Baby-Boomer" ins Rentenalter
- Die Gefahr, dass die
aktuell umgesetzten Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise mittelfristig zu einem
Aufflammen der Inflation führen
Nimmt man ein Shiller-KGV von 8 an, so
müsste der Standard & Poor's bei Zugrundelegung der aktuellen Gewinne auf
einem Niveau von 460 Punkten liegen - dies ist ca. 45 % unterhalb seines
derzeitigen Stands von 834 Punkten. Wie oben beschrieben, sinkt das Shiller-KGV
entweder, wenn sich der Aktienkurs (Zähler) verringert oder aber, wenn das
Gewinnwachstum (Nenner) steigt. Daher wäre auch ein Szenario vorstellbar, in dem
der Markt zehn Jahre lang auf seinem aktuellen Niveau verharrt, während die
Gewinne jährlich um etwa 6 % steigen.
Die hier beschriebenen Szenarien
mögen ausgesprochen pessimistisch wirken, vor allem angesichts der Tatsache,
dass die Märkte seit ihren Höchstständen bereits über 50 % verloren haben. Das
Beispiel Japans dürfte jedoch Anlass geben zu der Frage, ob ein PASSIVES
Aktieninvestment im aktuellen Umfeld wirklich sinnvoll ist: Etwa 20 Jahre nach
dem Platzen der Spekulationsblase steht der Nikkei-Index immer noch fast 80 %
unterhalb seines Niveaus vom Dezember 1989.
Zusammengefasst sollte die
derzeitige Kurserholung an den Märkten von Anlegern dazu genutzt werden sollte,
um das Aktienengagement zu reduzieren. Derzeit besteht keine solide Grundlage
für eine nachhaltige Erholung des Wachstums. Da eine solche Grundlage fehlt,
müssten Aktien deutlich günstiger sein, damit realistischer Grund zu der
Hoffnung bestünde, dass die Märkte Mitte März ihren Tiefstand erreicht
haben.
(1) Robert Shiller ist Professor für Ökonomie an der
Yale-Universität. Zu seinen bekanntesten Büchers zählt "Irrational
Exuberance".
(2) Peter Bernstein, 89 Jahre, ist Chef einer
Investmentconsultinggesellschaft und einer der renommiertesten Analysten in den
Vereinigten Staaten. Er ist Autor zahlreicher Publikationen.
(3) Peter
Bernstein: "Two Little-Noted Features Of The Markets And The Economy"


2012