Die traditionellen Prognosen zum Jahresauftakt sind 2009 noch schwieriger als sonst, denn dieses Jahr ist die Konjunkturentwicklung besonders schlecht abschätzbar.
Etwas vereinfacht stellte sich der Konjunkturverlauf der zurückliegenden 25 Jahre wie folgt dar: Motor der Weltwirtschaft war die US-Wirtschaft, die US-Wirtschaft ihrerseits wurde vom privaten Verbrauch angetrieben und der private Verbrauch basierte auf der Wertsteigerung von Immobilien und Finanzanlagen (In den vergangenen 25 Jahren stiegen die amerikanischen Konsumausgaben fast jedes Jahr stärker als das verfügbare Einkommen der Haushalte, woraus sich eine rückläufige Sparquote ergab, die zuletzt gegen null tendierte. Diese Sparquote beunruhigte jedoch niemanden, da der Wertzuwachs der Vermögenswerte der Haushalte als echtes Sparen galt). Heute hat dieses Wachstumsmodell offenbar ausgedient, ohne dass jedoch bisher ein Nachfolgemodell gefunden wurde. In Anbetracht des Geschäftseinbruchs in der Privatwirtschaft haben die Regierungen den Keynesianismus (wieder-)entdeckt und massive Programme zur Erhöhung der öffentlichen Ausgaben angekündigt. Über die Wirksamkeit dieser Programme lässt sich heute noch nicht urteilen, zwei Tatsachen stehen jedoch fest: Erstens ist der Anteil des öffentlichen Sektors an der Gesamtwirtschaft in den meisten Industriestaaten im Vergleich zur Privatwirtschaft gering. (In den USA liegt die Verteilung in etwa bei 20% zu 80%. Folglich müssten die öffentlichen Ausgaben - selbst unter Berücksichtigung ihres Multiplikatoreffekts - extrem erhöht werden, wenn sie den Rückgang in der Privatwirtschaft über einen längeren Zeitraum hinweg abfedern sollen.) Zweitens wäre ein Wachstumsmodell, das auf einer dauerhaften Erhöhung der öffentlichen Ausgaben basiert, längerfristig weder haltbar noch wünschenswert, weshalb ein neuer Wachstumsmotor gefunden werden muss, der den US-Konsument ablöst.
Natürlich könnte uns Letzterer zum x-ten Mal wieder überraschen (schließlich wurde der US-Konsument in den letzten Jahren des Öfteren verfrüht totgesagt). Die hohe Verschuldung, die sehr niedrige Sparquote, der massive Wertverlust bei Finanzanlagen und Immobilien sowie der Einbruch am US-Arbeitsmarkt deuten jedoch nicht auf eine rasche Erholung des US-Konsums hin. Ohne diese wird die Wiederaufnahme der Investitionstätigkeit auf Unternehmensseite jedoch eine Illusion bleiben.
Längerfristig dürfte Asien die Rolle der USA als Motor der Weltwirtschaft übernehmen. Voraussetzung ist jedoch, dass den asiatischen Ländern der Übergang von einem exportbasierten Wachstum zu einem von der Binnennachfrage getragenen Wachstum gelingt. Die von der chinesischen Regierung als Maßnahmen zu Verbesserung der sozialen Sicherheit angekündigten Investitionen ins Bildungs- und Gesundheitswesen sind sicherlich ein positives Zeichen, doch dieser Übergang wird Zeit brauchen.
Kurzfristig bewegen wir uns daher als Anleger auf unbekanntem Terrain. Die logische Strategie in einer solchen Situation wäre, Risikoanlagen gänzlich zu meiden und sich ausschließlich auf erstklassige Geldmarkt- und festverzinsliche Anlagen zu konzentrieren.
Dies hieße jedoch die Tatsache ignorieren, dass die Preise von Risikoanlagen (insbesondere von Aktien) bereits deutlich gesunken sind. Die Börsen haben seit November 2007 einen der drastischsten Einbrüche ihrer Geschichte erlebt. Die zu erwartenden schlechten Nachrichten müssten demnach zumindest teilweise bereits in den Aktienkursen berücksichtigt sein. Aufgrund des (vermutlich auch 2009 anhaltenden) Rückgangs der Geldmarktzinsen und der Renditen kurzfristiger Staatsanleihen sind indessen die Opportunitätskosten für Sicherheit merklich gestiegen. Anleger, die kein Risiko eingehen möchten, müssen mit anderen Worten bereit sein, eine geringe Rendite in Kauf zu nehmen. (Wobei die geringe Rendite der risikolosen Anlageformen kein ausreichendes Argument für das Eingehen von Risiken ist. Sie verdeutlicht vielmehr den Ernst der Lage.)
Unserer Anlagestrategie für 2009 (die im Zuge der weiteren Entwicklung durchaus angepasst werden kann) liegen folgende Überlegungen zugrunde:
- Es besteht heute die reale Gefahr einer sehr schweren Wirtschaftskrise. Deshalb sollten Anleger die Qualität der Unternehmen, in die sie investieren (dies gilt für Aktien und Anleihen gleichermaßen), genau unter die Lupe nehmen. Ein Verschuldungsgrad, der unter normalen Umständen vertretbar ist, könnte in der aktuellen Situation zum Problem werden, vor allem wenn in den Jahren 2009 oder 2010 größere Refinanzierungen dieser Verschuldung anstehen. Deshalb sind Unternehmen zu bevorzugen, die auch eine länger anhaltende Konjunkturschwäche überstehen können. 2009 gilt das Hauptaugenmerk nicht der Gewinnentwicklung, sondern der Bilanzqualität.
- Langfristige (hochwertige) Staatsanleihen dürften sich in einem von Rezession und deflationistischen Tendenzen geprägten Umfeld weiterhin gut behaupten. Mit Verweis auf die starken Kursanstiege 2008, die niedrigen Langfristzinsen und die Ausweitung der Haushaltsdefizite sowie der Staatsverschuldung glauben viele Marktbeobachter, das Entstehen einer Spekulationsblase bei Staatsanleihen zu erkennen. Ich bin jedoch überzeugt, dass diese Papiere im aktuellen Umfeld in einem diversifizierten Portfolio weiterhin dazugehören, zumindest als Absicherung gegen die Gefahr eines Katastrophenszenarios.
- Interessant sind auch erstklassige Unternehmensanleihen (Corporate Bonds), wenn die Emittenten eine geringe Konjunktursensibilität aufweisen. Anleger sollten bei diesen Papieren jedoch die Bereitschaft mitbringen, sie gegebenenfalls bis zur Endfälligkeit zu halten. Andernfalls könnten Kursschwankungen und eine möglicherweise fehlende Marktliquidität für unangenehme Überraschungen sorgen.
- Die große Frage mit Blick auf die Börsen ist, ob der von den Analysten für 2010 erwartete Wirtschaftsaufschwung tatsächlich eintreffen wird. Hinsichtlich der Ergebnisse des Geschäftsjahres 2009 macht sich der Markt kaum noch Illusionen. Wenn der Gewinnrückgang jedoch 2010 anhielte, bestünde die reale Gefahr weiterer Kurseinbrüche. Bis die Konjunkturentwicklung transparenter wird, bleibe ich für den Standard & Poor's bei meinem Band von 600 bis 1000 (vgl. meinen Artikel vom 7. Dezember 2008 zur Herleitung dieser beiden Werte). Ein Indexstand am unteren Rand sollte als Kaufgelegenheit genutzt werden, erreicht der Index den oberen Rand, gilt dies als Verkaufsignal.
- Trotz der solideren Fundamentaldaten (zumindest in Asien) fiel 2008 die Talfahrt der Börsen in den Schwellenländern stärker aus als in den Industriestaaten. Die Rezession in der industrialisierten Welt wirkt sich zwar auf die Schwellenländer aus, deren langfristige Perspektiven stehen jedoch nicht zur Disposition. Deshalb eignet sich der Kurseinbruch zum Auf- bzw. Ausbau von Positionen in asiatischen Märkten, sofern Anleger bereit sind, die in diesen Märkten vorhandene Volatilität zu akzeptieren. Die Indizes dieser Region werden allerdings häufig von Exportwerten dominiert und Anleger stehen daher vor der Herausforderung, Aktien von Unternehmen zu finden, die von der Ausweitung der Binnennachfrage profitieren werden.
- In einem Niedrigzinsumfeld stellen Aktien mit hoher Dividendenrendite eine interessante Anlagemöglichkeit dar, sofern die Dividende gut geschützt ist. Wie bei Unternehmensanleihen gilt es auch hier, Unternehmen mit einer geringen Konjunktursensibilität zu wählen.


2010
wakelter sagte:
Hallo Herr Wagner,aus ihrem gestrigen Vortrag entnahm ich,dass Sie Anlagen in Indices nicht für vorteilhaft halten, obwohl bei diesen Anlagen sehr gut diversifiziert wird. Warum sollte man ihrer Meinung nach keine Indices kaufen, z.B. als ETF?
Sie sprachen auch über die Rohstoffe, die ja einen erheblichen Preis- und damit Kursverfall erlitten. Ist jetzt der Zeitpunkt für einen Einstiein die Rohstoffe? in
06 Februar 2009 - 10:04 AM
Guy Wagner sagte:
Was mich persönlich davon abhält Indizes zu kaufen, ist die Tatsache, dass in diesen Indizes die Werte/Sektoren welche sehr gut gelaufen - und dadurch oft recht teuer - sind per Definition am stärksten vertreten sind (da die Gewichtung dieser Werte/Sektoren im Index meistens von ihrer Börsenkapitalisierung bestimmt wird). Anfang der 80er Jahre war z.B. im S&P500 Index mit dem Ölsektor just jener Sektor am stärksten vertreten (durch seine gute Entwicklung in den 70er Jahren) welcher in den darauffolgenden Jahren mit am schlechtesten gelaufen ist. Als es dann 2003 wieder an der Zeit war in Ölwerte zu investieren, war deren Gewichtung im Index nur noch gering. Das gleiche hat sich jetzt mit dem Finanzsektor wiederholt dessen Gewichtung 2007 nach mehreren Jahren starker Outperformance in den Indizes sehr hoch war.Ich halte es für verfrüht jetzt schon in Rohstoffe zu investieren.
07 Februar 2009 - 11:08 AM
Anonym sagte:
In den vergangenen Tagen sind die Indizes der Börsen wieder stark gefallen und sind jetzt auf Ständen, die sie vor wenigen Wochen als Einstiegsgelegenheiten bezeichnet haben. Ich merke aber, wie schwer es mir fällt, jetzt tatsächlich Aktienindizes oder Fonds zu kaufen. Leichter fiele es mir einzelne Unternehmen zu kaufen. Was machen Sie?04 März 2009 - 01:30 PM
Guy Wagner sagte:
Wir sind dabei, vorsichtig unsere Positionen in einigen Unternehmen zu erhöhen. Ich halte nicht viel davon Aktienindizes zu kaufen um so mehr als ich nicht der Meinung bin, dass die Aktienmärkte billig sind.06 März 2009 - 09:56 AM