Die Aktienmärkte der Schwellenländer erleben trotz wesentlich stärkerer Fundamentaldaten einen drastischen Einbruch: der MSCI Emerging Markets-Index hat seit dem 19. Mai knapp 40% verloren. Langfristig orientierten Anlegern bieten sich hierdurch interessante Einstiegsmöglichkeiten.
Obwohl die Schwellenländer nur begrenzt von der Finanzkrise betroffen zu sein scheinen, wurden auch ihre Finanzmärkte zum Opfer der US-amerikanischen Banken- und Immobilienkrise.
Der drastische Kurseinbruch ist auf folgende Faktoren zurückzuführen:
- Ausländische Anleger haben aufgrund der massiv gestiegenen Risikoaversion in großem Umfang Positionen in Emerging Markets-Papieren verkauft. Morgan Stanley schätzt, dass der Kapitalabzug durch ausländische Investoren seit Mitte 2007 etwa 60% des Zuflusses zwischen 2003 und 2007 entspricht.
- Angst vor einem weltweiten Konjunkturrückgang
- Inflationsanstieg in den Schwellenländern
- Befürchtung eines drastischen Gewinneinbruchs bei Unternehmen aus den Schwellenländern
- Deutlicher Rückgang der Rohstoffpreise, der Brasilien, Russland u. a. belastete
- Geopolitische Entwicklungen wie der Krieg in Georgien und die instabile politische Lage in Thailand
Viele Anleger haben nur eine vage Vorstellung vom Begriff „Emerging Markets“ bzw. „Schwellenländer“. Sie denken zunächst an die BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China. Deshalb sei an dieser Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ich unter Emerging Markets Südostasien sowie – an zweiter Stelle – Mexiko und Brasilien verstehe (auch wenn einige dieser Länder – nicht zu unrecht – über die Einstufung als Entwicklungs- oder Schwellenland alles andere als erfreut sein dürften).
Die Volkswirtschaften dieser Länder werden von folgenden Faktoren geprägt
- Junge Bevölkerung, steigende Arbeitsproduktivität
- Nach der Krise des Jahres 1997 zunehmende wirtschaftliche und finanzielle Reife
- Wesentlich verbesserte makroökonomische Bedingungen: Haushalts- und Leistungsbilanzüberschuss, höhere Devisenreserven, rückläufige Auslandsverschuldung. Die Abhängigkeit dieser Staaten von ausländischem Kapital sinkt hierdurch spürbar, was ihnen mehr Flexibilität bei währungs- und geldpolitischen Entscheidungen erlaubt. Diese reduziert wiederum Konjunkturschwankungen
- Ein allgemein gesundes Bankensystem
- Ein wesentlich verbessertes Inflationsumfeld
- Inländische institutionelle Anleger als neue Marktakteure (z.B. Staats- und Pensionsfonds)
- Im Vergleich zur Situation vor 1997/98 bessere Corporate Governance und Rentabilität
- Geringer Verschuldungsgrad auf Haushalts- und Unternehmensebene
Vor zehn Jahren erfassten die Auswirkungen der schwachen Fundamentaldaten der Schwellenländer die Industriestaaten und führten zu einer Finanzkrise. Die USA erholten sich damals dank ihrer starken Fundamentaldaten am schnellsten. Heute stellt sich die Situation im Vergleich zu 1997/98 in gewisser Weise genau umgekehrt dar: die USA leiden unter ihren schwachen wirtschaftlichen Rahmenbedingung (die die Krise noch wesentlich verschärfen), während diese in den Schwellenländern ausgezeichnet sind.
Die entscheidende Frage ist nun, ob die Schwellenländer ihren Wachstumskurs in einem Umfeld fortsetzen können, das von geringem bzw. gar keinem Wachstum in den Industriestaaten geprägt ist. Die Antwort ist noch offen, aber die obenstehende, von BCA Research (www.bcaresearch.com) zur Verfügung gestellte Grafik ermutigt: In der Vergangenheit hatten Konjunkturrückgänge in den G7-Staaten stets eine bremsende Wirkung auf die Schwellenländer, da diese weitgehend von Exporten in den Westen abhingen (hier dargestellt durch die Entwicklung der Frühindikatoren der G7-Staaten bzw. der Industrieproduktion der Schwellenländer ). Der aktuelle Konjunkturrückgang in den G7-Staaten hat jedoch (bisher?) noch nicht zu einer deutlichen Konjunkturabkühlung in den Schwellenländern geführt.
Eine tief greifende Rezession in den USA hätte natürlich negative Auswirkungen, doch die großen strukturellen Faktoren – steigende Binnennachfrage und Infrastrukturinvestitionen – werden das Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern weiterhin stützen. Die Bankenkrise im Westen wird den relativen Aufschwung der Schwellenländer noch beschleunigen. Der Wachstumsmotor der Weltwirtschaft verschiebt sich immer mehr Richtung Osten und die Entwicklung der Aktienmärkte sollte langfristig diesen Trend widerspiegeln. Anleger sollten daher die interessanten Bewertungen infolge des seit Mai zu beobachtenden, wahllosen Abstoßens der Emerging Markets-Werte als Einstiegschance nutzen. Auf Basis der Gewinne der vergangenen 12 Monate waren die Emerging Markets selten so günstig wie jetzt.


2012