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Interessante Kaufgelegenheit bei Staatsanleihen

Montag 15 Juni 2009 | 0 Kommentare | Kategorie: Marktanalyse

Eines der ersten Opfer der Erwartung eines weltweiten Konjunkturaufschwungs und der rückläufigen Risikoscheu auf Anlegerseite waren die Staatsanleihen. Die Kurse langfristiger Papiere erleben seit Mitte März einen drastischen Einbruch, in dessen Zuge die 10-jährigen Renditen in den USA rd. 150 Basispunkte (1,5 Prozentpunkte) und in Deutschland 75 Basispunkte (0,75 Prozentpunkte) zulegten.

Angesichts der schwachen Konjunktur, der starken deflationistischen Tendenzen und der Kurzfristzinsen nahe Null mag die schlechte Performance der Staatstitel zunächst überraschen, sie ist jedoch in Relation zu setzen.

Im 4. Quartal 2008 entstand mit der zunehmenden Verschärfung der Finanz- und Wirtschaftskrise eine nie dagewesene „Flucht in die Qualität“ – risikobehaftete Aktiva hatten die Gunst der Anleger verloren. Letztere stürzten sich auf Staatsanleihen und lösten gleichzeitig ein Kursfeuerwerk aus, das die Renditen sinken ließ.

Die Rendite zehnjähriger US-Anleihen ging zwischen Oktober und Dezember 2008 von 4% auf 2% zurück. (Ein Anleger, der die Papiere Anfang Oktober bei 100% gekauft hatte, hätte sie zum Jahresende bei 115% verkaufen können.)

Im Januar und Februar 2009 dominierte unter den Anlegern weiterhin eine ausgeprägte Risikoscheu, während die Langfristzinsen auf ihren sehr niedrigen Ständen verharrten. Erst schrittweise gelang es dank etwas positiveren Konjunkturdatenreihen, die Anleger von einer konjunkturellen Aufhellung in der zweiten Jahreshälfte zu überzeugen. Die Aufmerksamkeit richtete sich nun wieder vermehrt auf risikobehaftete Aktiva zulasten von Staatsanleihen. Ein Übergreifen der schwachen Performance von Staatsanleihen auf Unternehmensanleihen blieb aus. Ganz im Gegenteil: die Kurse der Unternehmensanleihen stiegen und führten so zu einer deutlichen Verengung des Zinsspreads zwischen Unternehmens- und Staatsanleihen auf ein Niveau, das fast dem Stand vor der Insolvenz von Lehman Brothers entspricht.

Die schwache Performance von Staatsanleihen ist auf zyklische, aber auch auf strukturelle Faktoren zurückzuführen. Die staatlichen Maßnahmen im Kampf gegen die Krise werden eine deutliche Ausweitung der Haushaltsdefizite und der Staatsverschuldung nach sich ziehen. An den Finanzmärkten fürchtet man nicht nur eine Lawine von Neuemissionen, sondern auch Inflationsgefahren, die durch ein Abrücken vom haushaltspolitischen Konsolidierungskurs entstehen könnten.

Ungeachtet der schlechten Performance in den zurückliegenden Monaten sind Staatsanleihen heute wieder attraktiv. Die von mir bereits mehrfach zitierten strukturellen Probleme im Zusammenhang mit der Entschuldung der US-amerikanischen (und auch angelsächsischen) Haushalte und der Banken dürften die Konjunktur weiterhin belasten und die Erwartungen einer starken, nachhaltigen Konjunkturerholung enttäuschen. Der Anstieg der langfristigen Zinsen stellt bereits eine Gefahr für die US-Konjunkturpakete dar, da in dessen Fahrwasser auch die Hypothekenzinsen anziehen werden.

Ängste vor einem Wiederaufflammen der Inflation sind zunächst noch verfrüht. Kurzfristig sieht sich die weltweite Wirtschaft vielmehr starken deflationistischen Tendenzen gegenüber bei beträchtlichen Überkapazitäten in der Produktion und einer deutlich steigenden Arbeitslosenquote. Inwieweit sich die Verschlechterung der Staatsfinanzen wirklich inflationistisch auswirkt, vermag heute noch niemand zu sagen. Vieles dürfte hier von der Reaktion der Staaten abhängen, sobald der Konjunkturaufschwung nachhaltig verankert ist.

Wie bei Aktien zeigt sich auch im Anleihesegment, dass mehr und mehr eine aktive Anlagestrategie erforderlich wird. Mit dem Kauf langfristiger Staatsanleihen bei einem Anlagehorizont von sechs bis zwölf Monaten bietet sich Anlegern aktuell durchaus die Möglichkeit einer interessanten Rendite.

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Guy Wagner ist Chief Economist der Banque de Luxembourg.

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