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Inflation/Deflation

Freitag 18 Juli 2008 | 0 Kommentare | Kategorie: Marktanalyse

Auch wenn sich die Ängste aktuell auf die Inflation beziehen, heißt die Gefahr für die Weltwirtschaft eher Deflation.

Im Juni erreichte die Teuerungsrate in vielen Ländern den höchsten Stand seit knapp 20 Jahren. Deshalb mag die Behauptung, die Weltwirtschaft laufe Gefahr, unter massiven deflatorischen Druck zu geraten, zunächst verwundern. Zudem sorgt der Preisschub bei Lebensmitteln und Energie dafür, dass die Verbraucher die steigenden Lebenshaltungskosten tagtäglich im eigenen Geldbeutel spüren.

Doch genau die aufgrund dieser Preisentwicklungen lahmende Nachfrage stellt einen der Gründe dar, warum Deflationsängste unversehens zurückkehren könnten. Wer mehr Geld ausgeben muss, um sein Auto voll zu tanken oder sein Haus zu beheizen, hat weniger Geld für nichtlebenswichtige Güter zur Verfügung. Als Konsequenz hieraus könnten die Preise dieser Güter sinken.

In meinem Artikel vom 6. März 2008 habe ich dargelegt, inwiefern sich das aktuelle Umfeld ganz erheblich von der Ausgangssituation in den 1970er-Jahren unterscheidet, als eine strukturell bedingt hohe Inflation vorherrschte. Heute besteht aufgrund der Globalisierung (zumindest noch) ein Angebots- und nicht ein Nachfrageüberhang (wobei das Gegenteil bei den Rohstoffen zutrifft). Zudem greifen die höheren Lebensmittel- und Energiekosten nicht auf andere Wirtschaftsbereiche über, da auf Lohnebene (genauer gesagt bei den Lohnstückkosten, d.h. den um Produktivitätssteigerungen bereinigten Löhnen) kein Anstieg zu beobachten ist. Genau dies war aber in den 1970er-Jahren aufgrund der Lohnindexierung und der starken Position der Gewerkschaften der Fall. Demgegenüber laufen die Lohnstückkosten heute weder in den G7-Staaten noch in den wichtigsten Schwellenländern aus dem Ruder. Und weil die realen Einkommen sinken, treffen die höheren Lebensmittel- und Energiekosten den Verbraucher noch härter.

An der Supermarktkasse oder an der Tankstelle ist die Inflation bittere Realität, und die vorangehenden Darlegungen mögen aus Sicht des Verbrauchers sehr theoretisch erscheinen.
Zentralbanken und Anleger sehen die Situation jedoch aus einer anderen Perspektive. In den späten 1970er- und in den frühen 1980er-Jahren waren die Zentralbanken mit einer Lohninflation konfrontiert. Sie mussten primär Inflationserwartungen entgegenwirken, und höhere Zinsen konnten dazu beitragen.

Die Ursache der aktuellen Inflation liegt jedoch außerhalb des Einflussbereichs der Notenbanken: Der Anstieg der Rohstoffpreise spiegelt überwiegend strukturelle Veränderungen auf der Angebots- und Nachfrageseite wider. Die Geldpolitik kann das Ungleichgewicht auf dieser Ebene jedoch nicht beheben – auch nicht mit Zinserhöhungen (außer unter Inkaufnahme einer schweren Rezession). Die Entwicklung am Rentenmarkt zeigt, dass die Inflationserwartungen weiterhin bei vernünftigen +/-2,5% liegen. Denn ein Anleger, der ein Inflationsniveau von 4% oder höher erwartet, würde kaum eine 10jährige Bundesanleihe mit einer Rendite von 4,5% kaufen. Solange Inflationserwartungen und Lohnstückkosten gewisse Grenzen nicht überschreiten, wäre es für die Zentralbanken fast schon unverantwortlich, die Zinsen stark zu erhöhen und eine Rezession zu riskieren.

Welche Konsequenzen ergeben sich hieraus für Anleger? Erstens ist in nächster Zeit nicht mit einer Zinsanhebung in den USA zu rechnen, es könnte im Falle einer signifikanten Verschlechterung der Konjunkturaussichten sogar durchaus zu weiteren Zinssenkungen kommen. Zweitens könnte die Europäische Zentralbank möglicherweise – ungeachtet eventueller Anzeichen einer Konjunktureintrübung in der Eurozone – weitere Zinserhöhungen beschließen, sofern nicht ein deutlicher Rückgang der Energiekosten zu einer raschen Verbesserung der Gesamtinflationsrate führt. Dies umso mehr als das Risiko höherer Lohnstückkosten in Europa höher ist als in den USA. Drittens sind qualitativ hochwertige Anleihen bei Renditen über 4,5% (Referenz: Bundesanleihe) als Absicherung gegen eine Deflation durchaus attraktiv. Als viertes bleibt festzuhalten, dass eine Deflation, die in der Folge zu einem Rückgang der Unternehmensgewinne und der Bewertungskennzahlen führt, ein großes Risiko für die Aktienmärkte darstellt.

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Guy Wagner ist Chief Economist der Banque de Luxembourg.

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