Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Ausgehend von den Ständen Ende 2009 verfügen die Börsen der Industrieländer meines Erachtens auf Sicht von drei bis fünf Jahren nur über ein sehr begrenztes Aufwärtspotenzial. Nach einem Jahrzehnt, in dem die Märkte kaum vom Fleck kamen, mag diese Feststellung zwar überraschen, es handelt sich indes nur um eine Folge der extremen Überbewertung der Aktienmärkte Ende der 1990er-Jahre. Aufgrund des sehr niedrigen Zinsniveaus und der zunehmenden Staatsverschuldung werden zahlreiche Anleger allerdings weiterhin Alternativen zum Geldmarkt und zu Anleihen suchen. Mehr denn je erscheint mir deshalb bei Aktienanlagen eine aktive Strategie erforderlich.
Ein Aspekt einer solchen aktiven Strategie umfasst die Identifikation von Regionen, Segmenten oder Unternehmen innerhalb der Aktienmärkte, welche unterbewertet sind beziehungsweise überdurchschnittlich gute Aussichten bieten. Aktien von Qualitätsunternehmen stellen derzeit ein solches Segment dar (als Qualitätsunternehmen stufe ich jene Firmen ein, die eine geringe Verschuldung und eine hohe Eigenfinanzierungskraft aufweisen, geringe Fixkosten sowie eine hohe Eigenkapitalrendite haben). Während zahlreiche riskantere Unternehmen nach der Erholung 2009 erneut überbewertet sind, erscheint die Bewertung von Gesellschaften wie Coca-Cola, Nestlé oder Procter&Gamble allgemein nicht übertrieben.
Der Kauf von Qualitätsaktien stellt eine Möglichkeit dar. Eine defensivere Strategie besteht darin, ausschließlich auf die Outperformance der Qualitätsunternehmen gegenüber dem breiten Markt zu setzen. Während der Anleger im ersten Fall lediglich eine positive Rendite erzielt, wenn der Kurs der gekauften Aktien steigt, wird er im zweiten Fall Geld verdienen, wenn der Kurs seiner Aktien mehr als der Markt steigt ODER deren Kurs weniger als der Markt fällt.Im aktuellen Umfeld sprechen mehrere Argumente für die zweite Strategie:
- Zunächst ließe sich allgemein argumentieren, dass Qualitätsunternehmen besser als der Durchschnitt sind und deshalb den Markt, der ja gewissermaßen den Durchschnitt repräsentiert, schlagen müssten. Langfristig trifft diese Argumentation zwar zu, jedoch nicht unbedingt auf kürzere Zeitperioden. Qualitätsaktien blieben in der Vergangenheit in zwei Szenarien tendenziell hinter dem Markt zurück: Wenn sie zu teuer geworden waren und/oder in der ersten Phase einer Börsenerholung nach einem Markteinbruch. In diesem Stadium tendieren Anleger zu Titeln, deren Kurs massiv eingebrochen ist, oder deren Gewinne kurzfristig am stärksten zulegen dürften.
- Anfang 2009 trafen beide Szenarien zu. Qualitätstitel hatten 2008 im Vergleich zum Markt wesentlich weniger Federn gelassen, und ab März antizipierten Anleger langsam eine Konjunkturerholung, wobei zyklischere Werte und Finanztitel in den Mittelpunkt traten. Für Qualitätsunternehmen bedeutete dies, dass sie 2009 weit hinter dem Markt zurückblieben (die Grafik zeigt den Kursverlauf von Procter&Gamble und Johnson&Johnson im Vergleich zur Performance des Standard&Poor’s 500). Ein ganz ähnliches Bild bot sich übrigens 2003, als die Märkte nach dem drastischen Einbruch in den Jahren 2001/2002 zur Erholung ansetzten.

Quelle: Bloomberg
- Anfang 2010 hingegen präsentiert sich die Lage genau anders herum. Aufgrund ihres Zurückbleibens im Vorjahr bewegen sich Qualitätstitel derzeit absolut betrachtet auf einem angemessenen Bewertungsniveau. Relativ gesehen, das heißt im Vergleich zum Gesamtmarkt und zu qualitativ schlechteren Unternehmen, sind sie jedoch günstig. Viele Unternehmen dieser Gruppe werden sogar nicht länger mit einem Aufschlag, sondern mit einem Abschlag zum Markt gehandelt.
Kurs/Buchwert: Hohe Qualität – Niedrige Qualität

Quelle: Datastream, Crédit Suisse Research
- Ein Blick in die Börsengeschichte zeigt übrigens, dass die Outperformance von qualitativ schlechter aufgestellten Unternehmen im Durchschnitt zehn Monate dauert. Und in der Tat haben Qualitätsunternehmen seit Jahresanfang wieder die Nase vorn.
- Das Konjunkturumfeld wird weiterhin schwierig bleiben und Erwartungen, dass ein deutlicher, nachhaltiger Aufschwung bevorsteht, könnten unter Umständen enttäuscht werden. Diese Rahmenbedingungen sprechen nicht für eine Fortsetzung der Outperformance von qualitativ schlechteren Titeln.
Das Thema Qualitätsaktien scheint mir eng mit dem schon mehrfach erwähnten Thema von dividendenstarken Titeln verwandt. Es ließe sich durchaus argumentieren, dass die Fähigkeit bzw. Bereitschaft eines Unternehmens, regelmäßige, steigende Dividenden auszuschütten, der beste Indikator für seine Qualität ist. Etwas perplex macht daher die Tatsache, dass 2009 der Kurs der 137 S&P 500-Unternehmen, die keine Ausschüttung vornahmen, im Schnitt doppelt so stark anstieg wie der der 363 ausschüttenden Titel.
