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Ein schwacher Euro?

Mittwoch 18 Februar 2009 | 0 Kommentare | Kategorie: Marktanalyse

Im bisherigen Jahresverlauf zeigt sich der Euro als eher schwache Währung: Gegenüber dem britischen Pfund verzeichnet die Gemeinschaftswährung seit Jahreswechsel einen Rückgang um rund 6%, zu Dollar und Yen um fast 10%.

Diese (in Anbetracht der Euro-Stärke gegen Ende 2008 zu relativierende) Schwäche ist durchaus eine gute Nachricht, denn sie steigert die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen der Eurozone, und hiesige Anleger freuen sich über Wechselkursgewinne. Der MSCI World (internationale Aktien) hat seit Jahresanfang in USD mehr als 8% verloren, in Euro blieb er indes quasi unverändert.

Und dennoch überrascht die Schwäche des Euro. Die Europäische Zentralbank zeigt sich zurückhaltend im Vergleich zum aggressiven geldpolitischen Lockerungskurs in den USA und Großbritannien, ganz zu schweigen von der japanischen Notenbank, die seit langem eine Nullzinspolitik praktiziert. Die Federal Reserve hat mittlerweile zudem mehrfach ihre Bereitschaft signalisiert, Staatsanleihen aufzukaufen, sollte ein Anstieg der langfristigen Zinsen (welche außerhalb ihrer direkten Kontrolle liegen) ihre Maßnahmen zur Konjunkturbelebung gefährden. Unter normalen Umständen würde die Angst, dass die US-Notenbank die Notenpresse anwerfen könnte, bereits eine deutliche Abwertung des Dollar auslösen.

Allerdings herrschen derzeit keine normalen Umstände. Finanzkrise und Rezession haben Europa und das europäische Bankensystem fest im Griff. Die berühmte Prognose des Nobelpreisträgers und Wirtschaftswissenschaftlers Milton Friedman, dass der Euro die erste Wirtschaftskrise nicht überstehen würde, macht mittlerweile wieder die Runde. Vor allem Beobachtern aus dem angelsächsischen Raum zufolge steht der Euro kurz vor dem Aus. Dass die Politiker der Eurozone alles daran setzen, solche Szenarien umgehend als absurd und absolut unvorstellbar zu dementieren, überrascht nicht.

Zum jetzigen Zeitpunkt erscheint ein Auseinanderbrechen der Währungsgemeinschaft in der Tat undenkbar. Ohne den Euro hätte die Finanzkrise Europa vermutlich mit noch viel stärkerer Wucht getroffen als ohnehin. Einigen Ländern dürften die Ereignisse in Island und Ungarn vielmehr Anlass sein, die Vorbereitungen zum Euro-Beitritt rasch zu forcieren. Häufig steht die Europäische Zentralbank im Kreuzfeuer der Kritik, weil sie geldpolitische Lockerungen nicht in ausreichendem Umfang oder nicht schnell genug umsetzt. Ihre Strategie zur Überwindung der Bankenkrise dürfte ihre Glaubwürdigkeit jedoch allgemein gestärkt haben.

Der Vertrag von Maastricht verbietet den einzelnen Ländern nicht explizit den Austritt aus der Eurozone, doch wäre dies mit enormen wirtschaftlichen und politischen Kosten verbunden. Italien oder Griechenland käme die Möglichkeit massiver Abwertungen nach einem Verlassen der Gemeinschaftswährung zwar durchaus gelegen, andererseits dürften die Zinsen dieser Länder dann explosionsartig in die Höhe schnellen. Was sie auf der einen Seite gewinnen, würden sie auf der anderen wieder verlieren, wenn nicht noch mehr. Ein Austritt würde daher nur für die "Musterschüler" innerhalb der Euro-Zone Sinn machen, falls die Verletzung der durch den Maastricht -Vertrag vorgegebenen Grenzen für das Haushaltsdefizit und die Staatsverschuldung einen Inflationsanstieg bewirken sollten. Vielleicht stellt sich diese Frage eines Tages. Heute jedoch beherrschen Deflationsängste das Bild.

Wichtig ist außerdem festzuhalten, dass niemand die Gemeinschaftswährung sprengen kann. 1992 stellte sich die Situation anders dar. Der Finanzier George Soros vermochte seinerzeit durch massive Verkäufe das britische Pfund aus dem europäischen Währungssystem zu drängen.

Der Euro kann seinen 10. Geburtstag somit vermutlich ohne allzu viele Sorgen vor einem Auseinanderbrechen feiern (die Einführung des Euro-Bargelds als gesetzliches Zahlungsmittel jährt sich im Jahr 2012 zum 10. Mal), allerdings bestehen durchaus wachsende makroökonomische Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone.

Zu erwähnen ist hier zunächst die Entwicklung der Lohnkosten. Wirtschaftswissenschaftler vergleichen die Wettbewerbsfähigkeit der Länder üblicherweise anhand der Lohnstückkosten. Dieser Terminus umschreibt die Entwicklung der Löhne und Gehälter, bereinigt um die Entwicklung der Produktivität. Aus den OECD-Statistiken ergibt sich für Südeuropa im Vergleich zu Deutschland seit 2000 eine rückläufige Wettbewerbsfähigkeit. In der Vergangenheit hätten diese Länder ihre Einbußen bei der Wettbewerbsfähigkeit über Währungsabwertungen kompensiert, doch dieses Instrument steht seit der Euro-Einführung nicht mehr zur Verfügung. (Die USA und Großbritannien hingegen profitierten von der Abwertung ihrer Währung gegenüber dem Euro seit 2000, um die Entwicklung der Kosten auf ihren Heimatmärkten abzufedern.)

Lohnstückkostenindex 2007 (*2006) (Indexstand 100 = Jahr 2000)
Deutschland 98,4
Frankreich* 112,4
Spanien 122,7
Griechenland* 113,9
Italien 120,9
Portugal* 116,5
Irland 125,3
Eurozone 111,4
Europäische Union 116,1
Vereinigtes Königreich 119,3
USA* 111,2
Japan* 86,9
Brasilien 97,5

Quelle: http://webnet.oecd.org/wbos/index.aspx


Für einige Länder könnte sich allerdings die sinkende Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu einem direkten Nachbarn, der nicht Mitglied der Eurozone ist, als noch weitaus nachteiliger erweisen. Beispiele hierfür sind Irland und Großbritannien oder Griechenland und die Türkei. Die türkische Tourismusindustrie dürfte sich daher durchaus freuen, dass die türkische Lira seit Oktober 2007 gegenüber dem Euro rund 20% an Wert verloren hat.

Die Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit infolge steigender Lohnstückkosten zeigt sich in der Außenbilanz einiger Länder. Deutschland verzeichnet beispielsweise seit 2000 einen deutlich steigenden Überschuss, wohingegen Spanien und Griechenland mit wachsenden Defiziten kämpfen.

Mittelfristig könnte dieser Mangel an wirtschaftlicher Konvergenz für die Eurozone zu einem großen Problem werden. Eine Währungsunion sollte theoretisch das Ergebnis wirtschaftlicher Konvergenz sein, doch die Eurozone basiert auf der Umkehrung dieses Prinzips - aus der Währungsunion soll sich eine Wirtschaftsunion entwickeln. Der 1997 beschlossene Stabilitäts- und Wachstumspakt strebte zwar die wirtschaftliche Konvergenz über verschiedene Kriterien - insbesondere in den Bereichen Haushaltsdefizit und Staatsverschuldung - an, zu deren Einhaltung sich die Länder der Eurozone verpflichteten. Fatalerweise wurde die Entwicklung der Lohnkosten nicht in den Kriterienkatalog aufgenommen. Hinzu kommt, dass es in den vergangenen Jahren zu einigen Lockerungen kam und die Einhaltung der Kriterien in der aktuellen Krise vermehrt in den Hintergrund rückt.

Auf längere Sicht werden auch demografische Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die öffentlichen Ausgaben zu einer großen Herausforderung für den Zusammenhalt der Eurozone. Ein aktuelles Arbeitspapier der Europäischen Zentralbank (1) kommt zu dem Schluss, dass kein Land außer Finnland seine derzeitige Politik der öffentlichen Finanzen fortführen kann, in einzelnen Staaten (Frankreich, Griechenland, Portugal) jedoch wesentlich umfangreichere Maßnahmen erforderlich sind als in anderen (Deutschland, Österreich).

Die zuvor beschriebenen Ungleichgewichte sind keineswegs neu und hinderten den Euro auch nicht daran, von 2001 bis 2008 eine starke Währung zu sein. Heute bewegen wir uns jedoch in einem ganz anderen Wirtschaftsumfeld. Zudem wurde Europa von der Bankenkrise mit voller Wucht getroffen und leidet zunehmend auch unter den Problemen im Osten. Die beiden internationalen Hauptwährungen kämpfen derzeit mit Problemen - doch die des Euro rücken gerade erst ins Bewusstsein!

(1) European Central Bank Working Paper 994: Fiscal sustainability and policy implications for the euro area; January 2009

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Guy Wagner ist Chief Economist der Banque de Luxembourg.

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