Indien verzeichnete in den vergangenen fünf Haushaltsjahren ein BIP-Wachstum zwischen 7,5% und 9,6% und kann damit durchaus mit Chinas beachtlicher Wirtschaftsdynamik mithalten.
Und dennoch bestehen wesentliche Unterschiede zwischen den beiden Ländern: Während Chinas Wirtschaft in erster Linie durch die Industrie geprägt ist, die 46% des chinesischen BIPs erwirtschaftet (gegenüber 27% in Indien), basiert die indische Volkwirtschaft auf dem Dienstleistungssektor, dessen BIP-Anteil bei rund 55% liegt (gegenüber 40% in China).
Aufgrund der Größe des Dienstleistungssektors nimmt Indien unter den Schwellenländern eine Sonderstellung ein. Die Industrialisierung Chinas verläuft hingegen ähnlich wie in den meisten westlichen Ländern: Zunächst fand eine Agrarreform statt, auf die der Übergang zu einem Niedriglohnproduktionsstandort folgte. Mittlerweile erreicht das Land eine Produktionsstufe mit höherer Wertschöpfung, um dann später in das Segment der international vermarktbaren Dienstleistungen vorzudringen. In der indischen Wirtschaft hingegen sind große Diskrepanzen zu beobachten, wie auch der britische Journalist Edward Luce[i] in seinem in englischer Sprache erschienen Buch "In Spite Of The Gods" schreibt. Der rapide wachsenden, global ausgerichteten Softwareindustrie stehen mittelalterliche Verhältnisse auf dem Land gegenüber, wo noch 70% der Bevölkerung ihr Einkommen aus der Landwirtschaft beziehen. Mit mehr als 250 Mio. Handynutzern hat einerseits die Moderne Einzug gehalten, andererseits stechen völlig rückständige Einzelhandelsstrukturen mit Millionen kleinster Tante-Emma-Läden ins Auge.
Indien steht vor zwei großen Herausforderungen, wenn es sein Potenzial ausschöpfen möchte, nämlich der Modernisierung der Landwirtschaft und der Schaffung weiterer Arbeitsplätze in der Industrie für die unterbeschäftigte Landbevölkerung.[ii] Obschon Indien theoretisch in der Nahrungsmittelproduktion autonom ist, geht die Produktivität der Landwirtschaft rapide zurück, und die Leistung hängt wesentlich von den Wetterbedingungen ab. Die strukturellen Perspektiven der Landwirtschaft können nur durch Flächenzusammenlegungen, eine Liberalisierung der Nahrungsmittelpreise sowie Investitionen in Bewässerungsanlagen verbessert werden. Diese Reformen lassen sich jedoch angesichts der von wahltaktischem Kalkül geprägten indischen Politik nur schwer durchsetzen.
Doch auch wenn die notwendigen Agrarreformen durchgeführt würden, müsste Indien noch eine Lösung für die unterbeschäftige ländliche Bevölkerung finden. Ob die Fertigungsindustrie dieses Überangebot an Arbeitskräften aus dem ländlichen Raum aufnehmen könnte, scheint fraglich. Das indische Arbeitsrecht zählt zu den strengsten weltweit, weshalb das dortige verarbeitende Gewerbe sehr kapitalintensiv ist und im Vergleich zu China nur relativ wenig Arbeitsplätze bietet.
Jene Stimmen, die Indiens wirtschaftliche Erfolge im Vergleich zu China als nachhaltiger einstufen, verweisen paradoxerweise oft auf die Demokratie als einen der Hauptvorteile des Landes. Zwar sind Demokratie, ein unabhängiges Rechtssystem und Pressefreiheit zweifelsohne wertvolle Errungenschaften, doch sie bremsen auch den Reformprozess, was im Vergleich zu China mit seiner Kombination aus zentraler Planwirtschaft und markwirtschaftlichen Reformen deutlich wird (die indische Zentralregierung ist insbesondere auf die Unterstützung der Kommunisten angewiesen, die Reformen auf nationaler Ebene blockieren und gleichzeitig in den von ihnen regierten Bundesstaaten forcieren). Dies zeigt sich nicht nur im Agrarbereich, sondern auch bei den Infrastrukturen. Aufgrund der in den letzten Jahrzehnten ausgebliebenen Investitionen besteht ein Mangel an guten Straßen, Häfen und in der Energieversorgung. In den vergangenen Jahren waren jedoch drastische Mehrinvestitionen in die Infrastruktur zu beobachten. Da die Regierung die Umsetzung dieses Projekts von oben forciert sowie unter den großen Parteien eine breite Zustimmung herrscht, werden die Infrastrukturinvestitionen in Zukunft eine der wichtigsten Wachstumslokomotiven bleiben.
Der indische Aktienmarkt ist seit seinem Höchststand Anfang Januar um über 35% eingebrochen, was zu einem Großteil auf die allgemein schwierige Wirtschaftslage zurückgeht (Rezessions-, Inflations- und Finanzrisiken), die alle Aktienmärkte in Mitleidenschaft zieht.
Indien wurde jedoch härter als andere Märkte getroffen, da die indischen Unternehmen Anfang Januar sehr hoch bewertet waren und das Land im Gegensatz zu den anderen drei BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, China) aufgrund seines wachsenden Haushalts- und Leistungsbilanzdefizits bei zunehmender Risikoaversion besonders anfällig ist. Die steigende Teuerungsrate trug das ihre zum Einbruch der heimischen Aktienmärkte bei (im Mai erreichte die Inflationsrate bei über 11% den höchsten Stand der letzten fünfzehn Jahre).
Nachdem der Sensex-Index zwischen 2003 und 2007 von 3.000 auf 20.000 Punkte geklettert ist, dürfte die aktuelle Korrektur am Aktienmarkt langfristig orientieren Anlegern nach und nach Einstiegschancen in Indien eröffnen (während der letzten drei großen Baissephasen an den indischen Märkten brachen die Aktienkurse vom Höchststand bis zum Tiefststand im Schnitt um ca. 50% ein). Die geld- und fiskalpolitischen Reaktionen auf den Inflationsanstieg von politischer Seite waren schnell und vorausschauend. Wie bereits dargelegt, steht Indien vor großen Herausforderungen, gleichzeitig zeichnen sich jedoch einige Trends ab, die Anleger durchaus zu ihren Gunsten nutzen können.
Zunächst ist hier das Wachstum der indischen Software-Branche zu erwähnen. Das Land gilt als führender Anbieter von IT- (Information Technology), BPO- (Business Process Outsourcing) und Engineering-Dienstleistungen, was Werten wie Infosys Technologies und Wipro Ltd. zugute kommen wird. Bei den Finanzdienstleistungen ist ebenfalls ein Aufwärtstrend zu beobachten, besonders im Bereich der Verbraucherkredite (Hypothekendarlehen, Kreditkarten). Die ICICI Bank ist beispielsweise gut aufgestellt, um von diesem Wachstum zu profitieren (Finanzwerte sind aufgrund der Inflationsängste besonders von der aktuellen Marktkorrektur betroffen). Ein weiteres interessantes Thema ist der private Verbrauch. Eine aktuelle Studie von McKinsey prognostiziert eine Vervierfachung der indischen Verbraucherausgaben. Hiervor kann beispielsweise über ein Investment in Hindustan Unilever profitiert werden. Ein weiterer Trend sind die Infrastrukturinvestitionen, die für Firmen wie Larsen&Toubro durchaus vielversprechende Aussichten schaffen.
Photos : © Marc Erpelding, 2008


2010