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Anzeichen einer Besserung? - Teil 2

Dienstag 18 November 2008 | 0 Kommentare | Kategorie: Marktanalyse

Vor einem Monat stellte ich an dieser Stelle unter dem Titel "Anzeichen einer Besserung?" zehn Prioritäten für die Bekämpfung der Krise sowie die diesbezüglich bislang ergriffenen Maßnahmen vor.

Die damalige Situation lässt sich wie folgt skizzieren: Die Regierungen hatten zur Abfederung der Finanzkrise bereits zahlreiche Maßnahmenpakete geschnürt, während die gesamtwirtschaftlichen Risiken noch völlig außen vor blieben. Dies war durchaus nachvollziehbar, denn das oberste Gebot in der ersten Oktoberhälfte war, der Bankenkrise entgegenzuwirken.

Inzwischen ergibt sich ein anderes Bild: Die Gefahr eines systemischen Zusammenbruchs des Finanzsektors ist in die Ferne gerückt, auch wenn sich die Situation an den Geld- und Kreditmärkten noch lange nicht normalisiert hat.

Die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich hingegen in den vergangenen beiden Monaten erheblich. Hier markiert die Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers eine scharfe Grenze - nach diesem Ereignis ist die Weltwirtschaft radikal abgestürzt. Ausschlaggebend hierfür war nicht die Bedeutung von Lehman Brothers für die Weltwirtschaft, sondern die Tatsache, dass nach diesem Debakel (und den Turbulenzen rund um Fannie Mae, Freddie Mac, AIG usw.) das Vertrauen schlagartig weggebrochen ist. Ohne Vertrauen kann eine Volkswirtschaft jedoch nicht funktionieren, und die Wirtschaftsnachrichten der zurückliegenden Wochen waren in höchstem Maße beunruhigend: Die Industriestaaten stehen am Rande der vielleicht schlimmsten Rezession seit den 1930er-Jahren.

Im Gegenzug haben die Regierungen jedoch mittlerweile sehr aggressive Maßnahmen zur Ankurbelung des Wachstums ergriffen. In Asien hat China gerade ein Milliardenprogramm (über 10% des BIP) angekündigt, und Südkorea, Japan, Thailand und Malaysia planen Vergleichbares. Europa und die USA werden in Kürze nachziehen. Sobald das Vertrauen an den Märkten zurückkehrt und die Banken sich wieder gegenseitig Gelder leihen, dürfte sich auch die Zinssenkung positiv auf die Wirtschaft auswirken. Hinzu kommen die rückläufigen Rohstoffpreise.

Wir befinden uns nach wie vor in einer Phase des Deleveraging, d.h. des Abbaus des Verschuldungsgrades. Dem Wirtschaftswachstum und vor allem den Verbraucherausgaben in den angelsächsischen Ländern bläst daher auf längere Zeit ein starker Wind ins Gesicht. Die Krise ist bei weitem noch nicht ausgestanden. Der Finanzsektor sorgt immer wieder für Schreckmomente, hinzu kommen sehr düstere Nachrichten aus der Wirtschaft: Anleger haben nach wie vor genug Gründe zur Sorge, und die Aktienmärkte dürften weiterhin extrem schwankungsanfällig bleiben. Andererseits: wer durch Luxemburg fährt, wird auch kein großes Schild erblicken, das ihm sagt, dass er den südlichen Landesteil gerade verlässt und den nördlichen erreicht hat. Genauso wenig wird eines Tages eine Ankündigung erfolgen, dass die Kreditkrise beendet ist und es mit der Wirtschaft wieder aufwärts geht (auch wenn einige Indikatoren durchaus beobachtenswert sind).

Womit ich bei den Aktien wäre: Aktienmärkte antizipieren bekanntermaßen die künftige Wirtschaftsentwicklung. Der heutige Aktienkurs spiegelt also wider, welche Gewinne die Marktteilnehmer in einigen Monaten erwarten. Anleger wissen durchaus, dass zahlreiche Unternehmen im kommenden Jahr einen deutlichen Gewinnrückgang verbuchen werden. Und genau aus diesem Grund sind die Aktienkurse bereits so heftig eingebrochen. Nur wenn die Gewinne noch stärker als zurzeit erwartet nachgeben, fallen die Aktienkurse weiter.

In meinem Beitrag vom 15. Oktober schrieb ich, die Zeit sei reif für eine etwas positivere Haltung gegenüber Aktien. In der Zwischenzeit erlebten die Märkte extreme Ausschläge, doch trotz der sehr düsteren Wirtschaftsnachrichten verzeichnen die meisten Märkte keine wesentlich niedrigeren Stände als zum Zeitpunkt jenes Artikels. Meine Strategieempfehlung lautet deshalb, Aktien an schwachen Tagen zu kaufen. Allerdings unter dem Vorbehalt, dass es sich um Unternehmen mit erprobtem Geschäftsmodell und einer soliden Bilanz handelt. Von Gesellschaften mit hohem Verschuldungsgrad und/oder erhöhtem Refinanzierungsbedarf ist im aktuellen Umfeld abzuraten.

Zum Schluss möchte ich noch auf eine wichtige Beobachtung hinweisen: Anleger unterschätzen häufig, wie schnell sich Aktienmärkte erholen können. Der 36%ige Kursrückgang von 1968 bis 1970 wurde in weniger als 12 Monaten wettgemacht. Innerhalb von 22 Monaten erholten sich die Märkte 1973/74 von einem Einbruch um 45%. Und 1987 dauerte es lediglich zwei Jahre, bis der 25%ige Rückgang gutgemacht war. Selbst im Anschluss an die Weltwirtschaftskrise, nachdem die Märkte zwischen 1929 und 1932 ein Minus von 89% registriert hatten, legten die Kurse zwischen 1932 und 1937 um 372% zu. Das letzte Beispiel dürfte mit Blick auf den vorangehenden Absatz am aussagekräftigsten sein, denn die Erholung von 1932 begann inmitten anhaltend katastrophaler Wirtschaftsnachrichten.(1)

Für langfristige Anleger bedeutet die völlige Abkehr von Aktien nach einem der drastischsten Einbrüche am Aktienmarkt deshalb ebenso ein Risiko.

(1) Die Zahlen entstammen dem Buch "101 years on Wall Street" von John Dennis Brown (Herausgeber: Prentice Hall).

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Guy Wagner ist Chief Economist der Banque de Luxembourg.

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